Von Alfred Wiener

Seit zwei Jahrzehnten gibt es am Manchester Square in London "The Wiener Library", ein gemeinnütziges Institut, das eine der größten Sammlungen: Bücher, Zeitungsaufsätze, Photographien über den Nationalsozialismus, die Minoritätenfrage, den Antisemitismus zusammengetragen hat (etwa 40 000 Bände, mehr als eine halbe Million Ausschnitte). Sein Direktor, Dr. Alfred Wiener, ein deutscher Emigrant, hat wiederholt seine frühere Heimat, die ihn 1933 hinaustrieb, besucht, wobei es sein besonderes Anliegen war, mit Studenten und Schülern zu sprechen. Hier der Bericht seiner Erfahrungen. In Auingen auf der Schwäbischen Alb fand vor einiger Zeit ein internationales Studententreffen statt, an dem zum erstenmal auf deutschem Boden auch israelische Studenten teilnahmen. Die Gespräche zeichneten sich dadurch aus, daß das Interesse der Israelis vor allem auf die Klärung gegenwärtiger Probleme gerichtet war und nicht auf eine Abrechnung mit der Vergangenheit.

Ich hatte keinerlei Auftrag – nur den meines Gewissens –, als ich mit Studenten in Bonn, Lübeck und Hamburg sprach und mit einigen Oberklassen höherer Schulen. Zwar hielten wir uns an bestimmte Themen, beispielsweise "Zehn Jahre Deutschland, von England gesehen", aber um übliche Vorträge handelte es sich dabei nicht. "Berichte" – dieses Wort trifft schon besser den Kern; oder "Aussprache", denn beide Seiten sprachen sich offen und freimütig aus. Keiner wollte an jenen aufwühlenden Fragen vorbei, die oft aus moralischem Selbsterhaltungstrieb, aus Scham, manchmal sogar aus Schuldgefühl unterdrückt oder verdrängt werden: Wie konnte dieses deutsche Volk, wie unsere Väter und Mütter zwölf Jahre lang die Herrschaft der Hölle dulden? Wie ihr machtlos unterworfen sein? Und die Schreckens-, zahl von neun Millionen schuldlos Ermordeter?

Es wäre falsch und ungerecht, dieser deutschen Jugend anklagend den Spiegel vorzuhalten. Der Schüler war kaum flügge, als das tausendjährige Reich noch bestand. Der Student, heute 20 bis 25 Jahre alt, hat kaum die Hitlerjugend gestreift. "Warum sollen wir mit diesem schrecklichen Geschehen belastet werden?" rief ein Theologiestudent aus. Wer würde sich dessen unterfangen! Die schwarze Wolke hängt sozusagen anonym über dem deutschen Volke. Wird das neue Geschlecht sie durch den kräftigen, heilsamen Luftstrom einer kämpferischen Demokratie, einer tiefen Achtung der Menschenrechte endgültig vertreiben? Ein banger Zweifel wich lange nicht von mir: Ist jeder Lehrer mit vollem Herzen dabei, die Schuldigen und die Schuld der zwölf bösen Jahre zu zeichnen und – weit wertvoller – den Segen einer in . Freiheit lebenden, nach Gerechtigkeit strebenden, vaterländischen, doch nicht nationalistischen Gemeinschaft, im großen, kleinen, kleinsten zu lehren? Die jungen Menschen, die vor mir saßen, sind aus gutem Holz geschnitzt, vielversprechend. Aber manche ehrlichen Fragen nach der "Schuld" der Ermordeten, der Parteien von einst, der Juden, weisen auf den bedenklichen Einfluß manches Elternhauses, mancher Verwandten, dieses oder jenes bösen Buches aus der Gegenwart. "Es war doch nicht alles damals so schlecht, die Autobahnen, die Reisen mit ‚Kraft durch Freude‘, die blühende Wirtschaft, die gesellschaftliche Hebung der schaffenden Klasse...?" Da antworte für mich ein besinnlicher ausländischer Student: "Entscheidet euch! Wählt zwischen Mord und Autobahn!"

Juden, Judentum, der Staat Israel – auf diese Stichworte regnete es Fragen bei den Jungen. Es fehlte ihnen, was so vielen Älteren und Ältesten fehlt: eine klare, grundlegende Vorstellung des wichtigen Begriffes: deutsches Judentum. Seine fast 2000jährige Geschichte auf deutschem Boden ist mit den Synagogenbränden, dem Pogrom vom November 1938 vorerst zu Ende.

Erstaunt horchten die jungen Menschen auf, als sie von den Daten, des jüdisch-deutschen Kulturlebens hörten: Der Amsterdamer Bibliothekar Fuks entdeckte vor wenigen Jahren in Cambridge ein etwa 1480 in hebräischen Buchstaben, aber in deutscher Sprache geschriebenes "Notizbuch" eines fahrenden jüdischen Sängers. Es enthält Teile der Gudrun-Erzählung, während die bisher bekannte älteste (Ambrasser) Gudrun-Handschrift aus der Zeit um 1600 stammt. Die Sage um Dietrich von Bern (Sigenot) liegt hebräisch geschrieben, jüdischdeutsch im Text, seit 1597 vor. Eine Till-Eulenspiegel-Handschrift in hebräischer Schrift, aber rein deutscher Sprache (sie zeigt deutlich bayerischen Dialekt) ist bereits 1600 entstanden. Wer nimmt es auf sich, das deutsche und das jüdische Element im deutschen Juden zu trennen und in zwei gesonderte Gefäße zu füllen? Was ist deutsch und was ist jüdisch in Stefan Zweigs "Drei Meister", in Friedrich Gundolfs "Shakespeare und der deutsche Geist" oder im Lebenswerk Eduard Nordens, des großen klassischen Philologen der Berliner Universität, den auch Hitlers Bannstrahl traf?

Ein Schüler, der viel gelesen, kaum je einen deutschen Juden gesehen hatte, meinte: "Der Jude muß doch Besonderheiten, Abweichungen, Gegensätzliches zum deutschen Volk aufgewiesen haben..." – Ja, er hatte gewiß seine Eigenarten, seine Verschiedenheiten. Aber ist das deutsche Volk so kümmerlich gewesen, sie nicht zu ertragen? Der Ire, der Italiener, der Jude aus Polen – sie alle leben als gleichberechtigte Amerikaner in den Vereinigten Staaten!