Notwendige Überlegungen zu den diesjährigen Festspielen

Von Walter Abendroth

Die leidenschaftliche Auseinandersetzung um die Regie-Experimente im Bayreuther Festspielhaus, die während der letzten Jahre den deutschen Blätterwald durchbrauste, kann nun als entschieden betrachtet werden; denn die Vermutung einiger von Anfang an skeptischer Sachverständiger, der Impuls zu den sensationsfreudigen szenischen Abenteuern sei weniger künstlerischen als propagandistischen Motiven entsprungen, hat eine unerwartete authentische Bestätigung aus dem Munde des Hauptverantwortlichen, Wieland Wagner, erfahren. Er sagte anläßlich der neuen Meistersinger-Inszenierung, er habe damit "den Kritikern neuen Gesprächsstoff geben wollen". Das ist es: Die junge Generation der Wagner-Dynastie scheint davon überzeugt zu sein, daß für die Sache ihres Hauses alles darauf ankommt, im "Gespräch" zu bleiben ...

Obwohl damit das Thema eigentlich erledigt ist, sei im Zusammenhang mit der besagten "Meistersinger-Neuinszenierung doch noch einiges vermerkt, was zur Beurteilung der Situation wichtig erscheint. Zunächst allgemein: Es ist hinsichtlich des "neuen Bayreuth" viel von "modernem Geist" und von besonderem "Mut" geredet worden. Beides zu Unrecht. "Modern" war dieser Inszenierungsstil vor 25 Jahren, zur Blütezeit der Berliner Kroll-Oper und, etwas später, als in der Peußischen Staatsoper Jürgen Fehling den Tannhäuser parodierte. Und Mut gehört heute keineswegs zum Experiment um jeden Preis, sondern viel eher zum Verzicht auf solche Mittel, die nur billig, allzu billig sind.

Das ist Hokuspokus!

Wie steht es aber mit der künstlerischen Rechtfertigung? Was soll es mit dem ausschweifenden Symbolismus, der jetzt sogar das gesündeste, bürgerlichste Werk Richard Wagners in das Zwielicht einer vermeintlichen "Vergeistigung" entrückt hat?

Gewiß ist alle Kunst Symbol und die wagnersche in besonderem Maße. Aber Symbol heißt Sinnbild; ein sinnlich-wirkliches Bild (das unmöglich noch einmal selbst symbolisiert werden kann) wird Gleichnis einer höheren Wirklichkeit. Das ist etwas anderes als ein Spiel mit allegorischen Funktionen von Linie, Farbe und Licht. Das Wesen bildnerischer Kunst ist: daß sie Unsichtbares sichtbar macht. Sichtbares aber unsichtbar zumachen, das ist Hokuspokus. Darüber täuscht auch die tiefsinnigste "Deutung" nicht hinweg. Im Gegenteil – auch die Sucht, zu deuten und zu deuteln, zur Unterschiebung von "tiefer Bedeutung" unter jedes noch so naiv-frische Gebilde von Künstlerhand ist ein radikal unkünstlerischer Zug, ein Dilettantismus, der das künstlerische Sein auf ein schöngeistiges Bedeuten herabsetzt.