Kein Raum für Glück, aber Hoffnung – Die Angst, etwas Unerlaubtes zu tun – Kollektive Verantwortlichkeit

Von Uli Faber

Welchen Weg geht China? Der Schweizer Journalist Dr. Uli Faber, der China bereiste und sich zur Zeit in Japan aufhält, gibt in seinem Bericht "Werden die Chinesen neue Menschen?" einen Einblick in die von den chinesischen Kommunisten radikal vorangetriebenen Umwälzungen auf allen Lebensgebieten. In der nächsten Ausgabe beginnen wir mit seinen Beobachtungen, die er in Japan anstellte.

Wenn man aus den Ländern Südostasiens nach China kommt, so traut man seinen Augen und Ohren nicht mehr. Die Chinesen, die in der Volksrepublik China wohnen, scheinen fast nichts mehr mit ihren übrigen Rassenbrüdern gemein zu haben. Die Chinesen in Südostasien sind Anarchisten, deren ganzes Denken und Trachten danach geht, zum Vorteil des eigenen Geldsäckels die Behörden des Gastgeberstaates an der Näse herumzuführen. Sie scheinen der (auch unter manchen europäischen Steuerzahlern geltenden) Moral zu huldigen, daß die Gesetze des Anstandes und der materiellen Ehrlichkeit nur im Verkehr von Mensch zu Mensch, nicht aber in dem von Mensch zu Staat gelten. Daraus ergibt sich die wunderliche Konsequenz, daß chinesische Geschäftsleute die personifizierte Redlichkeit sind, soweit es sich um geschäftliche Abmachungen handelt – es ist nicht einmal nötig, diese schriftlich festzulegen: Handschlag genügt –, daß aber diesen selben Kaufleuten die schmutzigsten Mittel nicht zu schmutzig sind, wenn es gilt, durch solidarische Hamsterei, durch Gerüchtemacherei und andere Mittel einen geschäftlichen Coup auf Kosten der Allgemeinheit zu machen. Das geht so fort bis zum kleinen Kuli, der den unerfahrenen Klienten schamlos um ein Mehrfaches von dem erleichtert, was er ihm schuldig ist.

Unbestechlichkeit ist Trumpf

In Rotchina ist das alles anders. Nehmen wir etwa die genialsten Betrüger, die Rikschakulis, bei denen man anderswo, will man am Schluß nicht endlose Scherereien haben, den Preis im voraus genau festlegen muß. In Rotchina sind heute genaue Tarife für alle Distanzen festgelegt, welche auf Tafeln an den Stationen verzeichnet sind, an denen die Radler auf ihre Kunden warten. Eines Tages wollte ich an einen Ort fahren, dessen Namen ich nicht kannte; ich setzte mich kurzerhand in eine Rikscha und dirigierte den Jungen, wohin ich wollte. Seine Forderung war 17 Cents, genau das, was ihm tarifmäßig zustand. Warum verlangte er nicht zwanzig? Ich hätte sie ihm gegeben, selbst fünfundzwanzig. Kein Mensch hätte uns belauscht. Wir würden uns vermutlich nie mehr treffen. Der gute Mann hätte gar nichts riskiert, wenn er mich überfordert hätte. Und er tat es doch nicht.

Ein anderer Fall: Es kommt vor, daß ich in einer Art Geistesabwesenheit meine Rechnung bezahle und weglaufe, ohne das Herausgeld mitzunehmen. Eines Tages ging ich an einem Pekinger Restaurant vorbei, in dem ich ein paar Tage zuvor gegessen hatte, als plötzlich ein Kellner herausstürzte, auf mich zueilte und mir ein paar Cents in die Hand drückte: eben das Geld, das ich dort vergessen hatte. Im Hotel ist es unmöglich, abgetragene Schuhe, ein zerrissenes Hemd, ja, auch nur verbrauchte Rasierklingen oder einen Bleistift liegenzulassen. Unweigerlich wird einem der Boy mit den besagten Dingen zum Portier, ja, nötigenfalls atemlos bis auf den Bahnhof nachrennen. Die Ehrlichkeit wird auf einen absurden Gipfel getrieben, indem sie fast zu einem surrealistischen Albdruck wird. Für Kafka wäre das ein Romanthema gewesen: Die Geschichte von dem Mann, der ein lästiges Ding lossein möchte, dem es sich aber immer wieder aufdrängt. Nicht einmal verschenken kann man es, weil kein Diener ein Trinkgeld oder ein Geschenk annimmt (wenigstens solange jemand dabeisteht). Auch in den Läden kann man rukig den geforderten Preis zahlen: man wird sicherlich nicht überfordert.