Ein verfallendes Schlößchen östlich von Wien, dort wo Europa aufhört: ein alter Baron und seine Tochter mit wenigem Gesinde leben dort, fernab von den rasch wechselnden Interessen der Zeit, ihr dem Verfall verwandtes Dasein, bis in diese trotz allem noch kultivierte Atmosphäre ein junger Kulturmanager eindringt, der nicht nur die Tochter heiraten, sondern auch das Schloß renovieren und zu einem Kulturzentrum ausbauen will. Solchen unorganischen Veränderungen aber halten weder die Mauern noch die Bewohner des Schlosses mehr stand, und was als glanzvolle Wiederauferstehung geplant war, endet in Unglück und Tod. – Das etwa ist der Inhalt von

Gerhard Fritsch: "Moos auf den Steinen." Roman. Otto Müller Verlag, Salzburg. 307 S., 12,50 DM.

Doch geht es dem Autor um mehr: um eine unpolitische und unideologische Darstellung einer ganz bestimmten Art zu leben, um das eigentlich Österreichische. Es reizt ihn das wichtigste aller Probleme, die sich dem heutigen Österreich stellen: wie ohne eine voreilige Preisgabe des Ererbten die österreichische Art zu leben herübergerettet werden könne in eine politisch und sozial wesentlich veränderte Zukunft. Es geht ihm um das Problem der Tradition.

Dieser Roman ist ein Erstling. Um so rühmenswerter die geistvolle Konzeption, die bedeutende Idee. Und der Einwand, daß Fritsch in manchen Partien die dem Gegenstand angemessene Sachlichkeit im Ausdruck der Gefühle noch nicht völlig meistert, daß er – kurz gesagt – mitunter aus dem Realismus in den Naturalismus abgleitet: dieser Einwand soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich hier in dem vielstimmigen Konzert der jungen österreichischen Erzähler – von Ilse Aichinger und Walter Tornau bis Herbert Zand und Marlen Haushofer – eine neue wichtige Stimme gemeldet hat, der zuzuhören sich lohnen dürfte. Herbert Eisenreich