Von Waldemar Ringleb

In der Diskussion über die degressiven Abschreibungen wird von Seiten der Unternehmungen immer wieder aufs neue erklärt, daß man auf steuerlich privilegierte Abschreibungen nicht verzichten könne, weil es einen funktionsfähigen Kapitalmarkt noch nicht gäbe. Kaum jemand ist aber bisher auf die in der Wirtschaftspresse oft genug wiederholte Fragestellung eingegangen: Ob es nicht der in den Nachkriegsjahren ausgeweiteten Selbstfinanzierung zuzuschreiben ist, daß der Kapitalmarkt Not leidet. Das aber ist der Fall, denn schließlich kann man das Fell des erlegten Bären nur einmal verkaufen. Entweder werden die Erträgnisse der Wirtschaft dort investiert, wo sie anfallen, oder sie werden als Gewinn ausgeschüttet, um über den Kapitalmarkt denjenigen Unternehmen, die ein Kapitalbedürfnis haben, und die bereit sind, hierfür etwas zu zahlen, zur Verfügung gestellt zu werden. Beide Wege sind möglich. Man sollte sich aber, bevor man sich für den einen oder anderen entscheidet, darüber klarwerden, wo der höhere wirtschaftliche Erfolg erzielt wird. Nun kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Markt (in einer liberalen Wirtschaft) die beste Auslese vornimmt. Hier leiten nämlich Angebot und Nachfrage den Kapitalstrom an die Stellen, wo der höchste wirtschaftliche Effekt erreicht wird. Dies sind an sich Binsenwahrheiten; sie müssen dennoch wiederholt werden, weil sie in den Nachkriegsjahren offenbar in Vergessenheit geraten sind. – Wenn in der Periode des Wiederaufbaues der Steuerfiskus trotzdem die Selbstfinanzierung privilegierte, so war das durchaus vernünftig. Es kam nämlich damals, als mehr oder weniger alle Unternehmen zerstört und zerschlagen waren, darauf an, den Produktionsapparat im gesamten in etwa wieder so aufzubauen, wie er vorher gewesen war, ohne Rücksicht darauf, ob der einzelne Betrieb hochrentabel war oder nicht. Von jeher haben nach großen Kriegszerstörungen und ähnlichen Katastrophen die Regierungen deshalb für eine gewisse Zeit mit Steuerbefreiungen und ähnlichen Maßnahmen gearbeitet. Praktisch hieß dies, daß jeder an der Stelle, wo er gerade stand, die Trümmer wegräumte und die Werkstätten wieder in Ordnung brachte. Derart gelang es auch diesmal, die Gesamtwirtschaft wieder organisch aufzubauen und Produktion und Markt erneut in Gang zu bringen.

Nachdem die Wiederaufbauperiode abgeschlossen ist, müssen andere Überlegungen voranstellen. Von nun an gilt es nämlich, den leistungsfähigen Betrieb zu fördern und das schwache Unternehmen auf die Schattenseite des Lebens abzudrängen. Handelt man in einer Periode der Vollbeschäftigung anders, dann Verzichtet die Wirtschaft damit bewußt auf den höchsten Produktionseffekt. Der nächste Schritt ist dann zwangsläufig die nationalwirtschaftliche Abschließung und das zünftlerische Streben nach Sicherung des Besitzstandes. Hieran aber kann niemand interessiert sein: weder die große Masse der Verbraucher noch die Unternehmerschaft selbst, die ihrem Wesen nach ihre bevorzugte Stellung durch immer neue Leistungen festigen muß. Deshalb ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem eine steuerlich privilegierte Selbstfinanzierung ihr Ende finden muß.

Damit ist gegen eine Selbstfinanzierung dort, wo im offenen Wettbewerb große Mittel erwirtschaftet werden, nichts gesagt. Noch immer haben dynamische Industriezweige, solange sie in einer nicht abreißenden Folge Neuland erschlossen, sich in einem bedeutenden Umfange selbst finanziert. Die Geschichte der großen Werke an der Ruhr oder etwa der Elektroindustrie aus der Zeit der Jahrhundertwende gibt manches instruktive Beispiel. In der Automobilindustrie mit allen ihren Nachbargewerben erleben wir heute das gleiche. Die großen Unternehmen der Mineralölwirtschaft, des Automobilbaues und der Bereifungen erwirtschaften ständig große Teile ihres Investitionsbedarfs selbst. Das beste Beispiel hierfür gab im vergangenen Jahr die sehr "offene" Bilanz der Firma Opel. Diese gewährte ihren Aktionären eine hohe Dividende, die bis auf einen normalen Betrag dem Werk als Kapitalerhöhung wieder zur Verfügung gestellt wurde. Bei anderen Unternehmen wurden die Dinge buchhalterisch mehr verschleiert. Sie wiederholen sich aber, wenn auch nicht in einem so extremen Maß, immer wieder aufs neue. Die Selbstfinanzierungskraft solcher dynamischer Wirtschaftszweige aber ist allein darauf zurückzuführen, daß sie auf dem Markt Erzeugnisse anbieten, für die die Abnehmer ohne weiteres einen Überpreis bezahlen, weil das Unternehmen ihren Bedürfnissen in einer hervorragenden Weise entgegenkommt. Hier beruht also die Selbstfinanzierungskrafl auf einer starken, durch Leistungen bedingten Marktposition‚ nicht aber auf einer Privilegierung durch den Steuerfiskus. Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied, den man in der Diskussion nicht aus den Augen lassen sollte.

Das Hauptargument, das für eine steuerliche Bevorzugung der Selbstfinanzierung ins Feld geführt wird, ist, daß die Eigentümer der Unternehmen, vor allem die Aktionäre, nicht ausreichend bereit sind, die ihnen zufließenden Erträgnisse wieder den Investitionen zuzuführen, sondern daß sie diese in den Konsum geben. Das aber ist eine Meinung, die keineswegs durch Fakten belegt ist. Man kann genausogut für die gegenteilige Auffassung einleuchtende Argumente anführen. Eine durch steuerliche Privilegien bedingte Wirtschaftskraft birgt wie jede andere Form der Subventionierung die Gefahr in sich, daß nicht nur an der verkehrten Stelle – das heißt dort, wo nicht unbedingt der höchstmögliche Erfolg erzielt werden kann – investiert wird, sondern daß darüber hinaus der innerbetriebliche Konsum bis zum Luxus gesteigert wird. Belege für eine solche Auffassuung vermag jeder in seiner allernächsten Umgebung zu sammeln. Alle solchen Erwägungen und Erfahrungen lehren daher auch, daß wir jetzt, seitdem das Stadium der Vollbeschäftigung erreicht ist, das Steuersystem von Grund auf reformieren sollten, weil wir sonst den Prinzipien der Marktwirtschaft untreu werden. Dazu genügt aber nicht eine Beseitigung aller Sonderbestimmungen, sondern es erscheint notwendig, die Steuergesetze unter dem Gesichtspunkt neu zu formulieren, daß die Erträgnisse der Gesamtwirtschaft in den gemeinsamen Topf des Kapitalmarktes fließen sollen, um von hier aus dann mit Sinn und Verstand nach den Stellen des höchsten wirtschaftlichen Effekts geleitet zu werden. Im Grunde sehen die Dinge für die Volkswirtschaft gar nicht so viel anders aus wie im einzelnen Unternehmen. Auch der Finanzdisponent eines Warenhauses denkt zum Beispiel nicht daran, die Erträgnisse aus der Lebensmittelabteilung grundsätzlich immer wieder in dieser zu investieren, sondern er zieht die Mittel des ganzen Unternehmt mens zusammen, um sie dort einzusetzen, wo sie den größten Erfolg versprechen. Der Unterschied liegt lediglich darin, daß in der Volkswirtschaft die Kapitälströme nicht von einer zentralen Dispositionsstelle, sondern durch den Markt gelenkt werden. Unser heutiges System der Selbstfinanzierung stellt diesem freien Fluß aber überall Wehre entgegen, um das Kapital dort zu binden, wo es anfällt. Das ist unwirtschaftlich.