Von Marion Gräfin Dönhoff

Wenn wir in den ersten Nachkriegsjahren mit Ausländern über unsere gegenseitigen Beziehungen diskutierten, war die Verständigung meist recht schwierig, weil (und dieser Grund blieb bei solchen Unterhaltungen gewöhnlich verborgen) die einen – nämlich wir – dabei an die Jahre seit 1945 dachten, die anderen aber an die Ereignisse bis 1945. Diese beiden Bilder konnten sich natürlich nicht decken!

Man wird auf der Londoner Suez-Konferenz sehr achtgeben müssen! damit man dort beim Thema "Internationalisierung" nicht genauso aneinander vorbeiredet. Frankreich und England sagen "Internationalisierung" und meinen eine Garantie dafür, daß der Kanal unabhängig von möglichen politischen Spannungen und den Emotionen eines leicht erregbaren Volkes, dem internationalen Verkehr stets offen sein wird.

Sie sind sich mit Sorge der Tatsache bewußt, daß das Schicksal von 300 Millionen Westeuropäern, deren wirtschaftliche Hauptschlagader durch den Engpaß von Suez läuft, der Gnade eines einzigen Mannes ausgeliefert ist, der durch niemand – nicht einmal durch ein Pseudo-Parlament – kontrolliert wird. Sie meinen ferner, man dürfe diesem Mann jenen Überraschungs-Coup nicht "durchlassen", weil sein Beispiel sonst Schule machen werde und die ölproduzierenden. Länder Arabiens plötzlich auf den Gedanken kommen könnten, die ölproduktion und die Ölleitungen zu enteignen. Frankreich, das Werte in Höhe von etwa 5 Milliarden DM in Ägypten investiert hat, sieht nicht nur diese Investitionen bedroht, sondern sieht im Geiste seine gesamten nord- und zentralafrikanischen Territorien der Flöte des neuen afrikakanischen Rattenfängers folgen.

Für Nasser aber bedeutet "Internationalisierung" etwas ganz anderes; nämlich nicht Garantie für die Unabhängigkeit des Schiffsverkehrs – also garantierte Freiheit der Wasserstraßen –, sondern Einschränkung der ägyptischen Souveränität, das Wiederaufleben der alten kolonialen Einflüsse: "Kollektiver Kolpnialismus", wie er in seiner Pressekonferenz am Sonntag gesagt hat.

Weder Panama noch die Dardanellen seien internationalisiert. Nur gegen ihn, Nasser, sei das Mißtrauen so groß, daß man auf diese Bevormundung nicht glaube verzichten zu können. Wahrscheinlich neideten die europäischen Mächte ihm die schwer erkämpfte und lang ersehnte Unabhängigkeit und wollten ihn wieder in ein Abhängigkeitsverhältnis bringen; wahrscheinlich ärgere sie sein gutes Verhältnis zur Sowjetunion, das eine Garantie gegen Ausbeutung sei; die Engländer und Franzosen redeten immer von der für sie lebenswichtigen Wasserstraße, aber die Voraussetzung für die Lebensfähigkeit Ägyptens, den Bau des Assuandammes (der vor dem geistigen Auge aller Ägypter bereits in voller Höhe erstanden war), den haben sie in einer flüchtigen Laune und mit triumphierender Geste wieder eingerissen. So etwa stellt sich die Situation den Ägyptern dar.

Nasser kennt weder Westeuropa noch Amerika. Die einzigen Reisen, die ihn über die Grenzen des Nahen Ostens hinausführten, waren die Reise damals zur Bandung-Konferenz, ein Jahr später nach Indien und kürzlich nach Jugoslawien. Nasser, der heute 38 Jahre alt ist und dessen Name vor fünf Jahren noch niemand außerhalb Ägyptens je gehört hatte, ist nie in Westeuropa oder Amerika gewesen. Er kennt also das, was für unsere Begriffe "normale" Länder sind, gar nicht. Seine Vorstellungen sind geprägt durch die ausgehende Kolonialperiode im Orient: eine korrupte reiche Oberschicht, die das hungernde analphabetische Volk nach Kräften und ungehindert durch eigene Bedenken oder staatliche Kontrollorgane im Schutz fremder "Imperialisten" (die wiederum nur durch eben jene Oberschicht zu herrschen vermochten) ausbeutete. "Der zweite Weltkrieg und die Periode davor" schrieb Nasser einmal in einer autobiographischen Studie, "feuerte die Phantasie unserer Jugend an und orientierte sie ganz auf Gewalt und Widerstand."