Unser Belgrader Korrespondent schreibt uns: Das soeben geschlossene Kreditabkommen zwischen den Regierungen der Zone und Jugoslawiens hat selbst die engsten politischen Kreise Belgrads vollkommen überrascht. Noch nie hat die jugoslawische Regierung Wirtschaftsverhandlungen so sehr geheimgehalten wie diese, und schon das laßt darauf schließen, daß außenpolitische Neben- und Nachwirkungen dieses Kreditabkommen als sehr wahrscheinlich zu vermuten sind.

In dem Vertrag verpflichtet sich Pankow, Belgrad Hilfe beim Ausbau eines hochwichtigen Aluminiumwerkes zu leisten. Jugoslawische Kommentare erklären – deutlich an die Adresse des Westens gewendet –, die Regierung habe sich bei diesem Abschluß von dem Prinzip breitester Zusammenarbeit mit allen Ländern auf der Basis der Gleichberechtigung und mit dem Ziel der größtmöglichen Ausnützung jugoslawischer Bodenschätze leiten lassen. Es gibt Beobachter, die zwischen den Zeilen dieser Erklärung lesen, das Abkommen sei nicht von Belgrad sondern von Moskau inspiriert worden. Moskau wolle auf diese Weise eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Belgrad und Pankow herbeiführen.

Die Regierungen der Sowjetunion und der Zone stellen einen Kredit von je 350 Millionen Rubel zu 2 Prozent im Jahr zur Verfügung. IIIgung und Verzinsung sollen nach der Fertigstellung des Werkes durch Lieferung von Aluminium bestritten werden. Ein Teil der sowjetischen Kredithilfe wird in Weizenlieferungen bestehen, aus deren Verkaufserlös Belgrad die entstehenden Ausgaben finanzieren wird.

Zugleich mit diesem Kreditabkommen hat Pankow ein umfangreiches Handelsabkommen mit Jugoslawien abgeschlossen, das einen Warenaustausch im Werte von 10 Millionen Dollar vorsieht und das bis Ende dieses Jahres erfüllt sein soll. Man gewinnt den Eindruck, daß die tatsächlichen Beziehungen zwischen Belgrad und Pankow besser sind als die offiziellen, die nach wie vor durch die persönliche Feindschaft zwischen Tito und Ulbricht belastet werden. Bisher hat Außenminister Popovic ausdrücklich erklärt, eine stillschweigende de-jure-Anerkennung Pankows komme nicht in Frage, doch habe er keineswegs dementiert, daß eine offizielle Anerkennung jederzeit möglich sei. Die unerwartete Stärke, die Ulbricht in seiner Position bewiesen hat, und die Tatsache, daß er als einziger aller exponierten Gegner Titos von Moskau weiterhin gehalten wird, läßt die Vermutung zu, die Sowjetunion sei bemüht, durch das abgeschlossene Aluminiumabkommen die Gegnerschaft zwischen Tito und Ulbricht zu überbrücken und eine Annäherung zwischen Belgrad und Pankow zu erreichen, die schließlich automatisch zur Aufnahme offizieller Beziehungen führen werde. N.