Die Frankfurter Massengemeinde des Evangelischen Kirchentages

Frankfurt, im August

Die Lautsprecher gaben Anweisungen in angemessener Milde: "Die Radfahrerkolonne mit dem Kreuz im Wimpel: würden Sie bitte etwas flüssiger über die Kreuzung fahren!" ... "Die Schwestern mit den weißen Hauben: Sie werden höflich gebeten, nicht über die Fahrbahn zu gehen!" So dirigierte der Frankfurter Verkehrspolizist den Strom zum Messegelände. Er sah ja selbst, daß die Radfahrerkolonne, die Kreis und Kreuz der "jungen Gemeinde" auf schwarzem Wimpel führte, nicht aus dem Hessischen stammte. Sie hatte einen langen Weg hinter sich; Tag- und Nachtfahrt über die Zonengrenze. Übrigens nahm nicht nur die Verkehrspolizei – ganz Frankfurt nahm die Tausende evangelischer Christen, die sich zum Siebenten Evangelischen Kirchentag hier einfanden, mit größter Herzlichkeit auf. Selbst der blinde Akkordeonspieler an der Mainzer Landstraße tastete ungelenk ein "Lobe den Herrn" auf seinem Instrument zurecht. In den Straßen flatterten die weißen Fahnen mit dem violetten Kreuz, und kaum ein Lokal war zu finden, in dem die Gäste nicht das gelbe Lederbändchen des Kirchentages trugen.

Wohl noch nie sind so viele Menschen aus der Sowjetzone über die Grenzen gekommen. Mit einem großen weißen Kreuz am Bug der Lokomotive rollten zehn Sonderzüge aus dem Osten ein. Aus Kottbus und Stralsund, Leipzig und Ostberlin kamen sie, und auf den Zwischenstationen in Mecklenburg, Thüringen und der Mark Stiegel Tausende zu, die nun in Gruppen staunend die Stadt durchwanderten. "Die Liebfrauenkirche im alten Arnstadt grüßt" stand auf ein grünes, thüringisches Plakatherz aus Pappe geschrieben, das aus einer Gruppe bäuerlich gekleideter Menschen hervorragte. Eine Jugendgruppe trug das Modell der Potsdamer Nikolaikirche an langem Stab durch die Straßen. "Potsdam, ach Gott!", rief eine alten Dame beim Anblick des Schildes aus und blieb stehen, um den jungen Leuten nachzuschauen.

Jugend auf Nebenwegen

Frauen in Spreewälder Tracht, im offiziellen Zonensprachgebrauch heute "Sorben" genannt, ziehen die Blicke einer hessischen Bauerngruppe auf sich, die auf den Stühlen der Arbeitsgruppe "Dorf und Land" saß, mit Ungetümen Regenschirmen auf den Knien. Die Begegnung zwischen Ost und West, abseits aller offiziellen Kontakte, hat sich kaum je so innig vollzogen. Fünfzehntausend Gäste aus Mitteldeutschland wurden offiziell erwartet – dreiundzwanzigtausend sind gekommen, gut die Hälfte von ihnen waren Jugendliche Sie wanderten aufmerksam durch die Geschäftsstraßen der Stadt, beobachteten in stummem Staunen, das oft von skeptischen Bemerkungen begleitet war, den Glamour einer geschäftigen Prosperity; doch das waren sozusagen Nebenwege. Dei Sammelpunkt war und blieb das Messegelände, Hier blieben vom Beginn der Bibellesung am frühen Morgen bis zum abendlichen Ende der Diskussionen die Tausende in Hallen und auf Rasenflächen beisammen, und bei ihrem Anblick wurde klar, daß sie hierhergekommen waren, um eine große Gemeinde zu sein.

Ein elementares Verlangen nach seelischer Nachbarschaft hielt diese riesengroße Gemeinde zusammen. Es gab hier nicht den Anreiz festlichen Gepränges, und auch das Bemühen um gefälligere Formen, von einigen Herren der Kirchentagsleitung hier und da angestrebt, endete meist in dürftiger Banalität. So hatte man sich für den Eröffnungsabend der "Jungen Gemeinde" eine Art christlichen Conferenciers verschrieben, man wollte mit Quiz-Fragen an ausgewählte junge Theologen die bewährten Formen der Rundfunkveranstaltungen kopieren; doch diesem Versuch konnte kein Erfolg beschieden sein, natürlich auch dem eigens zu diesem Zweck erfundenen Musical-Refrain nicht: "Schau dir deinen Nachbarn an, Nachbarn an, Nachbarn an ..." Diese sehr weltliche Form christlicher Gemeinschaft also setzte sich nicht durch, obwohl aus vielen Diskussionsbeiträgen deutlich wurde, daß der Stil der kirchlichen Ansprache als dringend erneuerungsbedürftig empfunden wurde. Man bekäme die Menschen schwer von der Straße in die Gemeinde – so erklärte ein Hamburger Pfarrer – weil ihnen die dort übliche Sprache unbehaglich sei, und von einem Arbeitermissionar wurde die Frage eines Bergmannes zitiert, ob man wohl als neugewonnenes Gemeindemitglied noch weiter Texashemden tragen dürfe. "Nur weil sie einen Lippenstift benutzen und Kaugummi kauen, ekeln die Spießer unsere jungen Menschen aus den Gemeinden", rief ein Student aus und erklärte energisch, daß "Gott nicht nur für die Mädchen mit Dutt und die Jungen in Krachledernen" da sei, sondern für alle. Die Kirche, hieß es, dürfe ihrer Zeit auch im Stil nicht nachhinken; und der sachliche bis forsche Ton, den einige Bischöfe bei ihren Ansprachen vor den Belegschaften einiger Frankfurter Betriebe anschlugen, bewies, daß manche Kirchenmänner ihr Publikum packend und doch ohne überspitzte Saloppheit anzusprechen wissen.