Die Wissenschaft greift ins Lenkrad – Haiiptunfallquelle: Der Mensch – Hamburger Leistungsteste

Die Wochenzeitung des Vatikans L’Osservatore della Domenica nahm zur Verkehrssituation Stellung und schrieb in einem Artikel wörtlich: "Angesichts mangelnder Gesetze und des traurigen, aber unbestreitbaren Nachlassens des bürgerlichen Gewissens ist es die Kirche, die ernst ihre Stimm: erheben muß, um das Gebot Gottes zu wiederholen: Du sollst nicht töten." In einer weiteren Stellungnahme des L’Osservatore heißt es, daß die römischkatholische Kirche erwägt, Kirchenstrafen für Verkehrssünder einzuführen.

Es wird von allen Seiten versucht, die ständig anwachsenden Unfallzahlen zu reduzieren, aber alle Versuche haben bisher nicht verhindern können, daß die Verkehrsunfälle sich immer mehr häufen. Wenn man einmal beobachtet, wie in unseren Großstädten und auf den Hauptverkehrsstraßen in der Bundesrepublik die ununterbrochene Kette von motorisierten Fahrzeugen dahinrast, deren Bahn wiederum von anderen gekreuzt wird, und wenn man zwischen diesem Strom die Menge der ungeschützten Einzelwesen sieht, so wundert die Zahl von jährlich 300 000 Unfällen niemand mehr. Die 12 000 Verkehrstoten jährlich erfordern Maßnahmen aller für größere Sicherheit auf den Straßen Was technisch für die Verkehrssicherheit getan werden konnte, hat die Automobilindustrie getan. Der Einwurf, man dürfe nur Autos mit Motoren bauen, die höchstens 50 Stundenkilometer fahren, ist unrealistisch. Es gibt auch Fahrer, für die selbst 50 Stundenkilometer eine zu hohe Geschwindigkeit sind. Es muß erreicht werden, daß unsere Straßer beschleunigt den heutigen Erfordernissen des wachsenden Verkehrs angepaßt werden. Und wenr außerdem die technische Kontrolle der Polizei und des Technischen Überwachungsvereins alles für die Verkehrssicherheit der Fahrzeuge tun, so bleibt noch eine Hauptunfallquelle auf den Straßen: das Verhalten der Menschen. In einigen Fällen ist die mangelnde Verantwortung die geradezu verbrecherische Unfallursache, in den meisten Fällen jedoch sind es mangelnde Konzentration beim Fahren, zu langsame Reaktion oder andere Fahrfehler, die ungewollt zu Unfällen führen. Mit Drohungen oder unfreundlichen Parolen kann man da nichts ausrichten: Unfälle werden so gut wie nie mit Vorbedacht verursacht, vielmehr "passieren" sie.

Es steht fest, daß es viele Tausende von Fahrern gibt, denen man nur erlauben dürfte, sich als Fußgänger zu bewegen. Jeder Führerschein wird durch eine private, nach kommerziellen Gesichtspunkten aufgezogene Fahrschule erworben, die jedem halbwegs normal erscheinenden Menschen beibringt, wie man ein Motorfahrzeug bedient und welche Vorschriften und Bedingungen auf der Straße beachtet werden müssen. Wer einen Führerschein hat, besitzt ihn sein Leben lang, ob er sich nur alle zwanzig Jahre ein Auto mietet, oder jeden Tag 200 bis 300 Kilometer abfährt. Es liegt deshalb nahe, das Sieb, durch das die Führerscheinaspiranten müssen, feiner zu wählen, und periodische Kontrollen durchzuführen, ob die einzelnen Fahrer im Laufe der Jahre ihre Fahrtüchtigkeit behalten. Es gibt aber keine Verordnung und kein Gesetz, daß Anwärter auf einen Führerschein zwingen könnte, sich testen zu lassen, ob sie überhaupt in der Lage sind, ein Fahrzeug zu fahren. Solange der Fahrschüler ohne medizinisches und psychologisches Tauglichkeitszeugnis in den Verkehr gelassen wird, entstehen im Verkehr täglich neue unkontrollierbare Gefahrenquellen.

Erfreulicherweise haben sich in Deutschland eine Reihe von vorausschauenden Männern rechtzeitig um die menschlichen Unzulänglichkeiten der Kraftfahrer Sorgen gemacht. Der Technische Überwachungsverein unterhält im Bundesgebiet bereits sieben medizinisch-physiologische Institute zur Erforschung dieses Problems: das älteste blickt immerhin schon auf eine fünfjährige Erfahrung zurück. Unabhängig davon haben sich einzelne Mediziner mit wissenschaftlicher Gründlichkeit der Sache angenommen. Vergleicht man nun diese Methoden, stellt man fest, daß sie in der Grundrichtung alle gleich sind und daß auch die Erfahrungen ziemlich die gleichen sind.

Wer ist fahruntüchtig?

Vor einigen Tagen eröffnete die Landesverkehrswacht Hamburg in den Räumen einer Kraftfahrversicherung ein Institut zur Erforschung und Prüfung der Fahruntüchtigkeit, das zweimal wöchentlich nach Feierabend geöffnet ist. Eine Reihe medizinischer Kapazitäten bürgen mit ihrem Namen für das ernsthafte Bemühen, der Verkehrssicherheit zu dienen. Aber es berührte merkwürdig, daß dieses neue Institut nicht mit dem seit Februar bereits vorhandenen des Technischen Überwachungsvereins zusammenarbeitet. Bei der Einweihungsfeier waren rund 100 Einzelpersonen und 50 Firmen und Verbände geladen, darunter die Bundeswehr, die Gaswerke und der Flughafendirektor, aber nicht einer der Männer vom Überwachungsverein. Hamburg hat somit jetzt zwei konkurrierende Unternehmen, die sich beide die Erforschung und Prüfung der Fahruntüchtigkeit zum Ziele gesetzt haben und die sich nur dadurch unterscheiden, daß der Überwachungsverein 35 DM für ein Gutachten, die Landesverkehrswacht jedoch nur 5 bis 10 DM nimmt. Die Landesverkehrswacht untersucht rein medizinisch, der Überwachungsverein medizinisch und psychologisch.