Rlt., Düsseldorf, im August

Die Italiener sind in zwei Katastrophen verwickelt worden, die sich zu politischen Miseren ausweiten können. Noch ist die internationale Erregung über den Fall "Andrea Doria", das größte Schiffsunglück der letzten Jahrzehnte, nicht abgeklungen und die Kritik am Verhalten der italienischen Schiffsmannschaft und Führung äußerst peinlich, da trifft Italien durch den Tod der mehr als einhundert Bergmänner in der belgischen Zeche Marcinelle ein neues Unglück. Und hier scheint uns die italienische Kritik am Verhalten des anderen, am Unglück beteiligten Partners, um ein Vielfaches gerechtfertigter als im Fall "Andrea Doria" zu sein. Nur eines geht zuweit: Wenn in der Erregung behauptet wird, jenes Unglück zeige, daß die Hohe Behörde in diesem Punkt versagt hätte, weil sie nichts zur Verbesserung der Grubensicherheit täte, so ist dies nicht nur falsch, sondern auch böswillig.

Die technische Ausgestaltung der Zechen ist keine Angelegenheit des Montan-Union-Vertrages. Doch wird die Europäische Montanbehörde eine Untersuchung in den Bergwerken durchführen, damit das Leben der Bergarbeiter besser geschützt wird.

Wohl aber werden sich italienisch-belgische Auseinandersetzungen auf der politischen Ebene ergeben müssen, da die Katastrophe in Rom wie in Brüssel ein parlamentarisches Nachspiel bringt. Italiens Arbeitsminister erklärte bereits, die weitere Entsendung italienischer Bergarbeiter nach Belgien stoppen zu müssen. Es heißt, daß es sich dabei nicht nur um eine Konsequenz aus jenem letzten Unglück handele. Zwischen 1947 und 1955 kamen nämlich in belgischen Gruben 1164 Bergarbeiter ums Leben, darunter 435 Italiener. Die internationale Presse weiß zu berichten, daß die schon seit langem von Italien geforderte Verbesserung der Sicherheitsvorkehrungen in vielen belgischen Zechen bisher von Belgien rücksichtslos abgelehnt wurde.

Dies alles ist wenig erfreulich. Es beweist aber die Richtigkeit der im Montan-Union-Vertrag vorgesehenen und längst fälligen Stillegung überalteter belgischer Zechen. Dann würden die frei werdenden Arbeitskräfte ins Aachener und ins Ruhr-Revier gehen, und die deutsche Förderung würde erhöht werden. Auch dieser wiederholt in Luxemburg diskutierte Plan scheiterte bisher am belgischen Nein.