Wer den Schaden hat, braucht für Spott nicht zu sorgen. Wer da aber spottet, sollte sich vorher darüber vergewissern, ob er nicht selbst im Glashaus sitzt.

Der aus mancherlei vorder- und hintergründigen Ursachen ins Wasser gefallene Streik der Deutschen Angestellten Gewerkschaft (DAG) in der Seeschifffahrt ist nicht ohne Nachspiel geblieben. Adolf Kummernuß, der erste Vorsitzende der in der Seeschiffahrt mit der DAG konkurrierenden Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), hat seinen Kollegen von der DAG einen "Offenen Brief" geschrieben, der von der "Welt der Arbeit" veröffentlicht wurde. Die DAG hat in ihrem Informationsdienst darauf geantwortet, nicht weniger unliebenswürdig und nicht weniger geladen mit allen jenen Ressentiments, die einmal zerstrittene Brüder so schwer wieder zusammenkommen lassen. Aber das ist eine innergewerkschaftliche Angelegenheit. Der Außenstehende kann sich aus den widersprechenden Angaben, die von beiden Organisationen über die "Schuldfrage" gemacht werden, nur schwer einen Vers machen. Zu sagen aber bleiben einige Worte über den Satz in dem Brief von Herrn Kummernuß, "daß das Zeitalter der Standesorganisationen endgültig vorbei sei ... Darum solltet Ihr, Freunde der DAG, den Weg zum DGB finden".

Das Zeitalter der Standesorganisationen ist vorbei. In der Tat: So ist es. Vorbei ist die Zeit der Privilegien und besonderen gesellschaftlichen Ansprüche, die der Wirtschaftsbürger aus seiner Zugehörigkeit zu einem Beruf oder seiner Stellung auf der Stufenleiter eines Berufes früher einmal geltend zu machen pflegte. Wo das heute noch der Fall ist, wird ihm das nicht mehr geglaubt. Denn keine der beruflichen Funktionen, die im heutigen Wirtschaftsleben von einzelnen oder von ganzen Gruppen ausgeübt werden, deckt sich noch mit dem Sinngehalt des Wortes "Stand".

Den "Mann von Stand" erkennt man heute genau wie früher daran, daß er neben den Rechten, die er für sich in Anspruch nimmt, auch die Pflichten gegenüber der Allgemeinheit nicht vergißt. Er ist ein Mann, der neben dem, was er sich materiell "leisten" kann, auch noch ein anderes Beispiel geben kann, etwa im Sinne des kategorischen Imperativs von Kant: "Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Solche Leute von Stand gibt es zwar auch heute noch, unter Arbeitern und Angestellten, Arbeitnehmern und Arbeitgebern, Wirtschaftlern und Politikern. Welche berufliche Gruppe aber wird heute den Mut aufbringen, für alle ihre Angehörigen die Hand ins Feuer zu legen und von sich behaupten wollen, ein "Stand" in diesem und eigentlichem Sinne zu sein? Das war einmal und wird vielleicht wieder einmal sein, wenn sich aus dem großen, gesellschaftlichen Einstampfungsprozeß des technischen Zeitalters wieder eine Schicht den Weg nach oben bahnen sollte, die neben dem ausgewiesenen Lebensstandard auch noch über andere Qualitäten verfügt. Wir hoffen das sogar. Die Demokratie kann wohl den Dünkel von Ständen entbehren, nicht aber einen Stand, der die öffentlichen Dinge in die Hand nimmt. Aber das läßt sich natürlich nicht organisieren.

Sollte der streitbare Herzog der ÖTV mit seinem Abgesang auf die Standesorganisationen eben das oder etwas ähnliches meinen, so müssen wir ihm applaudieren, wenn damit auch nichts aufregend Neues gesagt wird. Aber vielleicht ist es nützlich, dieses Fiasko des Fortschrittsglaubens immer wieder und von Zeit zu Zeit jenen in Erinnerung zu bringen, die sich immer noch "am Kragen" orientieren. Mittlerweile ist es ja die Stärke des fahrbaren Untersatzes geworden, mit dem sich der Zeitgenosse durch die Lande zu bewegen sichtbar und hörbar in der Lage zeigt. Aber Herr Kummernuß meint ja etwas ganz anderes oder will auf etwas ganz anderes hinaus. Das Zeitalter der Standesorganisationen ist vorbei. Folgerung: Arbeitnehmer ist gleich Arbeitnehmer, Arbeitnehmer aller "Stände" vereinigt euch, vereinigt euch im DGB.

Da hat also Meister, Kummernuß gewaltig in die Tasten gegriffen, und wer kann ihm das auch, nach diesem Erfolg, verdenken. Wir sind alle Menschen. Aber der Übergang vom Thema Standesorganisationen zu dem ganz anderen Thema Interessenorganisationen ist ihm miserabel gelungen. Und darüber braucht er nicht einmal traurig zu ;sein. Denn das verlangt ja wohl auch einen Liszt der Soziologie.

Stammorganisationen hatten wir einmal, darüber sind wir uns einig, Interessenorganisationen gibt es heute viele und sie haben entsprechend der Differenzierung des wirtschaftlichen Lebens und darum auch der Interessen – weil ja nun jeder nicht dasselbe tun kann – ihren Sinn und ihre Bedeutung. Mechanisierung und Rationalisierung haben zwar einen nicht unbedeutenden Teil der Angestellten zu Büro-"Arbeitern" gemacht, die mehr oder weniger mechanische Tätigkeiten auszuführen haben. Aus diesen Schichten dürfte sich wohl auch der Teil der Angestellten rekrutieren, der seine Interessen in den Industriegewerkschaften am besten vertreten sieht, und nicht ganz mit Unrecht. Aber andererseits gibt es auch Arbeiter – und die uns verheißene Automatisierung dürfte diesen Prozeß noch beschleunigen –, die als Spezialisten oder Meister Funktionen eines Angestellten ausüben. Diese "Arbeiter" sehen sich zwar – als Arbeiter – nach wie vor auf die Industriegewerkschaften als ihre Interessenvertretung verwiesen. Aber die Streikaktionen der letzten Monate und Jahre gaben Beispiele dafür genug, daß sich auch innerhalb des DGB nicht immer und so ohne weiteres die Interessen decken. Das hat mit Stand oder mit Standesdünkel nichts zu tun. Die Interessen eines Werkmeisters, der, wenn auch nur im Kleinen, eine gewisse Dispositionsfreiheit hat und Entscheidungen trifft, sind andere als die seines Arbeitskollegen, der mit zwei oder drei immer wieder den gleichen Handgriffen nur ausführende Arbeit verrichtet. Und die Interessen eines Angestellten und eines Arbeiters sind auch heute noch inkongruent, sofern der Angestellte eine Angestelltentätigkeit und der Arbeiter eine Arbeitertätigkeit im alten Sinne ausübt. Man höre damit auf, nach den peinlichen Erfahrungen, die wir mit der "Volksgemeinschaft" oder der "Betriebsgemeinschaft" gemacht haben, uns nun den Einheitstopf einer "Arbeitnehmergemeinschaft" zu servieren.