Es wird noch einige Jahre dauern, bis das, was die Überschrift besagt, Wirklichkeit ist. Aber der erste Schritt zu dieser Wirklichkeit ist getan. Die Rheinisch Westfälisches Elektrizitätswerk AG, Essen, hat unter Zwischenschaltung von Siemens-Schuckert in den Vereinigten Staaten das erste deutsche Atomkraftwerk fest bestellt. Es wird eine Leistung von zunächst nur 10 000 installierter kW haben, also den 90. Teil der Leistung des RWE-Kraftwerks Goldenberg. Es handelt sich nämlich um ein Versuchs-Kraftwerk, um die seit zwei Jahren vom RWE durchgeführten Atomarbeiten nunmehr an einem praktischen Beispiel in echte Erfahrungswerte umsetzen zu können.

Die Kosten des Baues liegen bei den sieben US-Angeboten zwischen 22 und 50 Mill. DM. Beim RWE ist man sich klar, daß diese Ausgabe wirtschaftlich betrachtet eine Fehlinvestition ist, weil ein solches Kraftwerk heute noch keinen Strom zu konkurrenzfähigenPreisen liefern kann. Unter Außerachtlassung vieler Kostenelemente dürfte die Atom-Kilowattstunde aus der Versuchsanlage zwischen 10 bis 15 Pfennige betragen gegenüber – 4 Pfennige Ruhrkohlen-Strom und 4,5 Pfennige Steinkohlen-Strom aus US-Kohle. Wirtschaftlich wird ein künftiges Atomkraftwerk überhaupt erst in der Größenordnung von 700 000 bis 1 Million installierter kW-Leistung. Ein solcher Bau würde heute rund eine Milliarde DM erfordern und doch keinen konkurrenzfähigen Strompreis erwirtschaften.

Die Bestellung des Kraftwerks über Siemens-Schuckert erfolgte, um der deutschen Elektroindustrie die Möglichkeit zu geben, eigene Erfahrungen beim Bau solcher Zukunftswerke machen zu können. Die deutsche Industrie ist heute noch nicht in der Lage, entsprechende Anlagen zu erstellen. Sie darf es auch noch nicht. Für den RWE-Bau ist der Abschluß eines zweiten Staatsvertrages mit den USA notwendig, der den US-Firmen die Erlaubnis gibt, Atomkraftwerke an Deutschland zu liefern. Dies steht noch aus. Der Entschluß des RWE, der deutschen Industrie und sich selbst als größten öffentlichen Energieerzeuger der Bundesrepublik (Anteil 35 v. H.) die Chance praktischer Erkenntnisse auf diesem großen Zukunftsgebiet der Physik zu geben, um in 10 oder 15 Jahren wirtschaftliche Kraftwerke selbst bauen zu können, ist sehr zu begrüßen. Er zeigt, daß Öffentliche Hand und private Wirtschaft bereit sind, heute das Risiko für die Vorteile der Zukunft zu tragen, auch wenn es Dutzende von Millionen DM kostet. Rlt.

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Auf der ao. HV der Deutsche Messe- und Ausstellungs-AG, Hannover, wurde die Erhöhung des Grundkapitals um 8 auf 18,65 Mill. DM beschlossen. Von den neuen Aktien werden je 2 Mill. DM sofort von den beiden Hauptaktionären, dem Land Niedersachsen und der Stadt Hannover, übernommen, während die Übernahme von weiteren 2 Mill. DM durch das Land Niedersachsen für das Haushaltsjahr 1957 vorgesehen ist. Ob der verbleibende Rest von 2 Mill. DM von der Stadt Hannover oder einem anderen Aktionär erworben werden wird, ist noch nicht bekannt.

800 neue Arbeitsplätze. Im jetzt abgelaufenen Geschäftsjahr 1955/56 wurde die Zahl der Arbeitsplätze bei der Osram GmbH um nahezu 900 erhöht. Mehr als die Hälfte davon entfällt auf die Berliner Betriebe der Firma.