Niemand kennt Gedichte Gerhard Hauptmanns Ringelnatzscher Art, niemand auch nennt uns Verse Hölderlins à la Wilhelm Busch. Mit gutem Grund blieben sie alle in ihrem Genre und erkannten die Gefahr, über ihren Schatten zu springen. So stimmt es zunächst bedenklich, wenn jemand aus seiner Bahn bricht, noch dazu, wenn er sich als Verfasser des "Großtyrannen", "Herzog Karl des Kühnen" und ähnlicher ernster Prosa einen Namen gemacht hat. Das Wagnis, diesen guten Namen durch eine humoristische Schrift zu verlieren, beging

Werner Bergengruen: "Badekur des Herzens", Nymphenburger Verlagshandlung, München, 250 S., 11,50 DM.

Freilich, so unbekannt ist dies Buch den Freunden des Autors nicht. "Baedeker des Herzens" lautete der Titel, als das Buch erstmals 1932 erschien, Eine Gerichtsklage des "seriösen" Baedeker zwang Bergengruen nun zu dieser Vokalverschiebung – und in der Tat: der Titel verlor dadurch nicht.

Aber auch die Andersartigkeit des heutigen Reisers, moderner Erholung, nötigten den Autor zu Änderungen, Ergänzungen, die er mit Eifer und Ernst bis zur Drucklegung des Buches durchführte. Bedingt durch seine diesjährigen Reisen erschien das völlig geänderte Buch daher leider so spät im Jahr, da man doch allen Urlaubsplanern die Lektüre noch vor Antritt ihrer Reise gewünscht hätte. Sicherlich hätte so mancher seinen Ferienplan geändert, wenn sie in verschiedenen Kapiteln aufgeklärt werden, etwa "Über den Unfug des Reisens", "Lanze für das Fahrrad" oder "Der romantische Wanderer". Das alles ist eine Abrechnung mit dem Snobismus moderner Touristen (und mancher wird sich nach dem Lesen überrascht dazuzählen müssen), eine Abrechnung, die mit herzlichem, aber auch bissigem Humor geführt wird.

Allein der erste Satz des Buches, eine recht ungewöhnliche Form gewöhnlicher Widmungen, nimmt dem Leser die Skepsis und macht ihn aufgeschlossen für den ergötzlichen Humor. Da heißt es: "Dieses Buch widme ich dem Passauer Bahnhofskellner, der mich ,Geehrter Herr Reisender‘ angeredet hat." Und in einem Kapitel über die häusliche Wetterwarte lesen wir: "Wie es Maximal- und Minimal-Thermometer gibt, so gibt es auch Optimal- und Pessimal-Barometer."

So sieht denn jeder: bei dieser vergnüglichen und – nützlichen Lektüre hat ein Schriftsteller von Rang seinem Ruhm nicht geschadet, sondern ihn auf die leichte, aber darum oft schwer zu schreibende, heitere Poesie ausgedehnt. Ortwin Fink