Dießen, im August

Von den drei größten oberbayerischen Seen:Chiemsee, Starnberger (Würm-) See und Ammersee ist der letzte am wenigsten "Star" in der offiziellen Rangliste der Touristik. Er hat, der äußeren Geltung nach, schon immer im Schatten des Starnberger Sees gelegen. Nicht, weil er geringere Schönheiten aufzuweisen hätte, sondern offenbar infolge seiner verhältnismäßigen Abseitigkeit von den Hauptverkehrsadern – was je nach Geschmack als Nachteil oder als Vorzug verbucht werden kann, Der Vorsprung an "Prominenz", den der Starnberger See vor dem Ammersee hat, macht sich auch darin bemerkbar, daß sich an seinen Ufern schon seit langem mit Vorliebe politische und geistige Prominenz ansiedelte. Aus, dem bayerischen Herzogsschloß Possenhofen ging die österreichische Kaiserin Elisabeth hervor – heute zählen Exkaiserin Zita und Otto von Habsburg zu den Anwohnern des Starnberger Sees. Einst war Schloß Berg die Stätte schwärmerischer Freundschaftsbeteuerungen zwischen Ludwig II. und Richard Wagner, dem Villenbewohner von Kempfenhausen und Percha – heute ist um den ganzen Uferrand die wohlfeilere Prominenz des modernen Kultur und Filmbetriebs verstreut, und in Tutzing wird gar Weltanschauung gemacht, nicht allein von der Witwe eines preußischen Generalfeldmarschalls, sondern auch, in seriöser Form, von der Evangelischen Akademie, Jedenfalls ist der Andrang zum Würmsee schon von München her so stark, daß seine Uferbebauung immer enger zusammenwächst. Das soll nicht heißen, daß die Eindruckskraft seiner Natur darum nicht vollauf den gesteigerten Eifer rechtfertigte, den die Ufergemeinden aufbieten, um den bereits beträchtlichen internationalen Fremdenverkehr noch weiter anzukurbeln.

Der Ammersee ist mehr ein Ziel für besinnlichere Gemüter. Auch er ist heute natürlich sowohl per Bahn wie über gute Autostraßen bequem zu erreichen, und zwischen den anliegenden Orten Herrsching, Fischen, Dießen, St. Alban, Riederau, Utting, Schondorf, Stegen und Breitbrunn bestehen Dampferverbindungen. Aber trotz dieser verschiedenen "Anschlüsse" hat der See doch bisher viel von seiner ehemaligen "Blüte im Verborgenen" behalten. Schon sein Charakter hat etwas Milderes, Weicheres; das Hochgebirge, wenn es sichtbar ist, gibt ihm nicht so sehr – wie dem Starnberger See – eine heroische, eher eine traumhafte, unwirkliche Kulisse. Seine Ufer sind weithin noch frei von Bebauung; die Ansiedlungen liegen scheinbar weiter voneinander, und dazwischen dehnen sich lange Strecken bewaldeter Höhenzüge oder niederer grüner Bodenwellen, die zur Ferne hin gänzlich verebben. Der Mischwald bietet im Frühjahr und im Herbst ein zauberhaftes Farbenspiel, das sich im seltsamen Perlmutterglanz des weitgedehnten Wasserspiegels wiederholt. Hier hat sich von jeher weniger Prominenz etabliert, vielmehr haben einzelne Künstler die Stille gesucht. Im vorigen Jahrhundert hatte Wilhelm Leibl, der Maler, sich nach Unterschondorf geflüchtet, wo in diesem Jahrhundert Hans Pfitzner seine reifsten Schaffensjahre verbrachte. In Dießen, dem geruhsamen Flecken am Südende des Sees mit seiner schönen Pfarrkirche und dem bescheiden-pittoresken Rathaus, lebt heute der Dichter Hermann Stahl; Carl Orff, der Komponist der Carolina Burana, hat sich kürzlich dort ein Haus gebaut. Der Liebhaber des Ursprünglichen und Bodenständigen kommt hier auf seine Kosten. Zwar kennt Herrsching, der Hauptort am Ostufer, der so überraschend schnell erreicht ist, wenn die Bahn eben noch den Wörthsee gestreift und den stillen Pilsensee abgemessen hat, an schönen Ferientagen auch jene Verstopfung durch endlose Wagenkolonnen, die zum Renommee moderner "Erholungsorte" gehört; aber abseits der Verkehrsstraße finden indem hübschen, breit hingelagerten Ort die Gäste solider Hotels und Pensionen durchaus ihre Ruhe. Vollends in eine Region scheinbarer Zeitvergessenheit führt der romantische Weg durch das reizvoll geschlängelte Kiental, hinauf zum Kloster Andechs, einem vielbesuchten Wallfahrtsort, wo Benediktiner den Gottesdienst in einer hinreißend schönen, lichten und farbleuchtenden Rokokokirche – einem Juwel des bayerischen Spätbarocks – versehen und daneben einen Gasthausbetrieb mit urgemütlichem Garten sowie eine eigene Brauerei unterhalten. Hier spielt sich an manchen Tagen noch viel echtes, bayerisches Volksleben ab, und man kann noch herrlich farbenfreudige, seidestrotzende Trachten bewundern, die nicht zu Fremdenindustriezwecken aus den Schränken geholt sind, sondern zu Ehren des Feiertags mit bewußter Würde getragen werden. Einer Würde, die sich an diesem Platze unter den dichten Kastanien und angesichts der architektonisch wohlproportionierten Klosterbauten auch vor dem schäumenden Maßkrug nicht vergißt...

Unterhalb des Wirtsgartens liegt das freundliche Dorf Erling, wo es auch ein angenehmes Gasthaus gibt. Vom Turm der Klosterkirche aus aber hat man einen überaus prächtigen Rundblick über das ganze Gebiet des Ammersees, wie umgekehrt fast von allen Punkten dieses Gebietes aus das Kloster Andechs mit seinem hochragenden Zwiebelturm den Blick auf sich zieht. -th.