Der Kapitalbedarf der Wirtschaft, insbesondere der Industrie, steht in keinem Verhältnis zu der Kapitalbildung, der durch die Steuergesetze enge Grenzen gesetzt sind. Daraus ergibt sich, daß Kapital eine Mangelware ist, für die ein hoher Preis gezahlt werden muß. Bosch, Hüttenwerke Rheinhausen, Klöckner-Humboldt-Deutz, AEG, Chemische Werke Hüls und jetzt auch Feldmühle-Papier waren bereit, ihn in Form einer achtprozentigen Anleihe aufzubringen. Die Obligationen wurden rasch untergebracht, allerdings haben sie nur zu einem geringen Teil neues Kapital mobil gemacht. Sieht man von der Auslandsbeteiligung ab, so erfolgte die Mittelbeschaffung sehr stark durch Verkauf anderer Papiere, hauptsächlich solcher des festverzinslichen Marktes. Als erste blieben die Pfandbriefe auf der Strecke, dann folgten die Anleihen der öffentlichen Hand, und auch die Aktien unterlagen zeitweise einem starken Tauschverkaufsdruck, der so groß war, daß die erreichten "Kurstiefen" Kapitalsammelstellen und wohl auch die Investmentgesellschaften zu Aktienengagements lockten, wodurch in der vergangenen Woche eine leichte Erholung in diesen Papieren eintrat.

Bei den Rentenwerten gab es innerhalb der letzten vier Wochen Kurseinbußen bis zu 4 innerhalb Das ist eine Spanne, die am Markt für festverzinsliche Papiere nun wirklich zu erheblichen Sorgen Anlaßgibt. Die Inaktivität, zu der die Hypothekenbanken seit mehreren Monaten gezwungen sind, werden wir im nächsten Jahr beim Wohnungsbau zu spüren bekommen, wenn die I. Hypotheken fehlen werden. Bei den Staatsanleihen mußte in der vergangenen Woche oftmals stützend eingegriffen werden, denn es fielen Posten bis zu 2 Mill. DM an. Nun gehört wirklich nicht viel Phantasie dazu, eine Fortsetzung dieser Tendenz vorauszusagen, solange die Industrie massiert mit ihren Anleihen auf den Markt kommt. Es gibt viele Leute, auch innerhalb der Banken, die weitere achtprozentige Industrieanleihen behördlicherseits untersagt haben möchten, um eine Schonung des Kapitalmarktes zu erzwinge n. Eine solche Forderung sieht allerdings sehr nach dem Wunsch aus, die eigene Verantwortung auf die nach ten Schultern des Staates abzuwälzen. Ohne Zweifel ist eine vorsichtigere Dosierung der Anleihen erforderlich, aber sie sollte sich auch durch eine Absprache erforderlich, untereinander erreichen lassen.

Die Kapitalanzapfung erfolgte in der vergangenen Woche nicht nur auf dem Rentenmarkt, sondern auch bei den Aktien, wo die Kapitalerhöhungen bei Dt. Linoleum (um 6 Mill. DM), bei Stettiner Öl (um 1,2 Mill.) und bei Rosenthal (um 3,6 Mill.) zur Durchführung kamen. Im Laufe dieser Woche folgen Kaufhof und vor allem die Thyssen-Hütte. Hier erfordert die Kapitalerhöhung 75 Mill. DM. Es ist wohl ziemlich einmalig, daß mit Thyssen eine Gesellschaft ihr Kapital erhöht, die bisher noch keine Dividende ausgeschüttet hat. Wenn es dennoch in den letzten Wochen zu stetigen Kurssteigerungen kam (158 1/2 bis 165), dann sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach die Folge von Interessenkäufen, welche die Großaktionäre der Gesellschaft, die Witwe Fritz Thyssens und seine Tochter, die Gräfin Zichy, vornehmen ließen. Beim Kurs von 165 v. H. würde sich die rechnerische Parität des Bezugsrechts auf 20,7 v. H. stellen.

Interessen- und Meinungskäufe trugen wesentlich zur Belebung des Aktiengeschäfts bei. Cassella stiegen in rascher Folge um rund 40 Punkte auf 300 v. H. In Börsenkreisen war man der Meinung, daß die drei großen IG-Farben-Nachfolger versucht haben, ihren Besitz auf 75 v. H. zu bringen, um über die Zukunft der Gesellschaft souverän entscheiden zu können. Ob das Ziel schon erreicht ist, bleibt vorläufig offen. Riedel de-Haen, die Cassella nahestehen, wurden ebenfalls heraufgesetzt und schlossen zu 185 (172 1/2). Bei der Commerz- und Disconto-Bank und der Commerz- und Credit-Bank hielten die von mindestens zwei Seiten vollführten Aufkäufe an. Der Kurs der Commerz- und Disconto-Bank lag nach Abgang des Bezugsrechts bei 204, stieg später auf 220 und fiel dann wieder auf 210 v. H. Nicht ganz so stark waren die Ausschläge bei dem Frankfurter Schwesterninstitut. Diese Schwankungen sind für Bankaktien ungewöhnlich, da ihre Ursachen allmählich auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind, jedoch nicht sonderlich beunruhigend.

Auf dem Markt der Verkehrswerte machte AG für Verkehr wieder einmal von sich reden. Der Aktienkurs konnte sich um 10 Punkte auf 145 1/2 v. H. verbessern. Gerüchtweise verlautete, daß die Dividende von 4 1/2 auf 6 v. H. erhöht werden könnte, obendrein soll angeblich ein Bonus von 3 v. H. zum Trost für die seinerzeitige scharfe Zusammenlegung winken. Fester notierten übrigens auch die Reedereipapiere, eine Tendenz, die auf rein spekulative Erwägungen beruht. Zwar bewegen sich die Frachtraten wieder nach oben; in erster Linie wohl wegen der 40 Schiffe, die von den Engländern für ihre Militärtransporte in Anspruch genommen werden, aber es dürfte doch wohl zu früh sein, hieraus Rückschlüsse auf die Kurse der Reedereien zu ziehen. Man soll nicht vergessen, daß weder die Hapag (72–74) noch der Nordd. Lloyd (51–52 2/4) ihr Aktienkapital endgültig umgestellt haben, so daß eine wichtige Voraussetzung für die Bewertung des Kurses aussteht. Im übrigen haben Schiffahrtswerte stets ihren eigenen Gesetzen unterlegen. -ndt.