Vom Sonnenschirm zum Fernsehschirm

Viareggio, im August

Der Fernsehquizer Peter Frankenfeld sieht hier aus wie Gérard Philippe mit Brille, und er spricht die klangvolle Sprache des Decamerone und Verdis. Aber dieser Pietro Francocampagna hat es besser im italienischen Fernsehen, sein Publikum ist mit Operettentemperament bei der Sache – das auf dem Schirm sowieso, denn es fühlt sich ferngesehen, aber das davor auch. Und dies eben ist die Geschichte. Ich wohne nämlich hier am südlichen Schlußpunkt der Riviera di Levante, einem klinischen Fall von Massensuggestion, Flucht in psychopathische Passivität, Abkehr von der Realität, Fetischisierung des sekundären Systems, Verfremdung im Abbild und so weiter, bei. Am ersten paradiesischen Abend dieses Urlaubs bin ich verhindert, zu schwärmen bei dem kühlen Abendhauch, der vom nachtschattenblauen Ligurischen Meer her um meine Schläfen weht, bei diesen Lollo-Formen der mandeläugigen Schönen der Nacht; dem sahnesüßen Gelato; der beinahe arabisch-fremdartig-traurigen Melodie des Gitarrentrios im Café di Raoul nebenan. Sorge und schreckhaftes Verwundern über meine lieben Italiener zwingt mich zu strengem Bericht. Da ist also die Viale di Garibaldi mit Palmen und rotem Asphalt; da parken noch mehr Alfa Romeos und Lancias vor den Strandhotels im Stile des neunzehnten Jahrhunderts, die gegen die Hitze ihre Läden dicht verschlossen halten, ganz wie erwartet; da liegen gegenüber in den spiegelnden Schaufenstern die luftigsten und modisch gefällig zugeschnittenen Gewebe aus Wolle und Leinen und Nylon, die astronomische Beträge kosten und – immer mit sieben multipliziert, um dadurch auf einen irgendwie glaubwürdigen DM-Betrag zu kommen – die Unerschwinglichkeit erst ganz erweisen;

Der Orvieto, immer noch so lieblich und gefährlich, kommt in kleinen Korbflaschen auf den Tisch. Die Carabinieri sind majestätisch und nachsichtig, wenn man unter Halteverbotsschildern parkt. Siebzig Lire bezahlt man für die tunnelreiche Autobahn zwischen Mailand und Genua, Unterwegs singt das Autoradio una canzone in Moll, schmachtend und mit Caruso-Timbre, sie sagt: aha, auch die italienische Unterhaltungsmusik ist eine Promenadenmischung geworden, gekreuzt aus nationalmusikalischen Elementen und american comercial jazz.

Wer alles weiß

Während ich dies auf einem Stuhl am Corso von Viareggio kritzele, einen Campari zwischen den Zeilen, steppt und grinst ein junger Casanova wie Gene Kelly, Finger schnipsend in buntem Hemd, Rhythmus unter dem Absatz. Ja, wo ist er denn, der gute alte italienische Stil? Immer wie aus dem Ei gepellt die Signori, nie am Abend ohne Krawatte, Jackett auch bei 40 Grad im Schatten? Muß man sich beinahe nicht für ihn schämen, den gentilhomme zwischen Mailand und Palermo, der sich neuerdings so amerikanisch gibt? Hier sieht es so aus, als ob die seidenleichten Mohair- und Leinenanzüge, die spitzen Lama-Lederschuhe dieses Jahr mehr in den Schaufenstern oder auch im Koffer bleiben: der Strandanzug erobert Corso und Hotel-Lobby.

Television erobert alles zusammen: den Strand, den Corso, das Café. Ich sehe es hier vor mir: Fernsehen zerstört das höchste Gut der italienischen Nation – das ist ohne Ironie gemeint –, ihr dolce far niente, das süße Nichtstun. Dieses Land unter Pinien, Weinlaub und herrlichen Straßen war nicht das letzte europäische Refugium, wo man sich auf Muße verstand, sich selbst genug, eins mit der Welt? Ein Teil dieser Muße, dieser Kunst zu leben, war der Corso am Abend, das lässig-sinnlose Flanieren der herausgeputzte! Mädchen, der stolzierenden Herren, war das tage diebische Hocken vor den Cafés, die laue Brise, der südliche Sternenhimmel, wispernde Palm er, klirrendes Eis im Glas, die letzte Zigarette, dann noch eine, dann die wohligen Schritte hinüber ins Albergo zu Bett.