Besuch in Kairo nach Oberst Nassers großer Rede

Von Joachim Heldt

Kairo im August

Das Taxi fegte über das Asphaltband in die Stadt. Kairos Vorstadt Heliopolis stieg bereits flimmernd wie eine Fata Morgana aus dem Wüstenstreifen, der sich zwischen den Flughafen und die neuen, weißglänzenden Wohnhäuser schiebt. Ein Militärtransport, Soldaten auf alten amerikanischen Dreitonnern, kam uns entgegen.

Ich fragte unseren Fahrer, ob er für Nasser sei, auch wenn dessen Maßnahmen Krieg brächten. Der Mann, der eben noch diensteifrig die Koffer geschleppt und dienernd den Schlag aufgerissen hatte, vergaß plötzlich, daß er am Steuer eines Wagens saß, der mit 100-Stunden-Kilometern über eine schmale Straße jagte. Er riß die Hände vom Steuer, ballte sie zu Fäusten, blitzte mich aus feurigen Augen an: "Wir werden kämpfen. Wir werden unseren Kanal> verteidigen. Mit diesen Händen werde ich ihn verteidigen. Sechs Tage komme ich ohne Schlaf aus, kein Wasser und kein Bett. Im Sande", er zeigte auf die steinige Wüste, die hinter uns aufstaubte, weil wir mit einem Rad von der Straße abgekommen waren, "hier werden wir liegen, schießen und kämpfen." Er schöpfte nach Atem, griff wieder ins Steuer und sagte dann leise mit beschwörender Stimme: "Gott schickte Gamal Abdel Nasser. Gott schütze ihn."

Der Held von Brioni

Seit der 38jährige Oberst am 26. Juli auf dem Manchia Square in Alexandrien in seiner berühmten Rede die Verstaatlichung des Suezkanals verkündete, ist der "Tiger von Faluga" (Faluga ist der Ort, wo Nasser im Kampf gegen die Israelis den Ruf persönlicher Tapferkeit erwarb), "Sieger von Bandung" und "Held von Brioni" zum gläubig verehrten Idol des Volkes geworden. Längst hat er die Popularität Nagibs überflügelt, den er absetzte, als dessen Beliebtheit beim Volke ihm zu gefährlich, wurde. Nagib wurde inzwischen im eigentlichen Sinne des Wortes in die Wüste geschickt. Er verbringt tatenlos seine Tage in einem Landhaus westlich der Hauptstadt, von Maschinengewehren bewacht, von Wüste umzingelt. Auf der Straße spricht kein Mensch mehr von Nagib. Nur in den Kreisen der Intelligenz, und unter den reichen Bürgern, die fürchten müssen, daß ein westlicher Wirtschaftsboykott sie ihrer Pfründe beraubt, fällt noch dann und wann der Name Nagib.