Ein Roman aus Griechenland

Selten tritt in der Literatur der Romane das Poetische so stark in den Vordergrund, wie in dem eines modernen neugriechischen Autors, der jetzt zum ersten Male dem deutschen Leser zugänglich gemacht wird:

Stratis Myrvilis: "Die Madonna mit dem Fischleib", Manesse-Bibliothek der Weltliteratur, 426 S., 9,90 DM.

Dieser Roman spielt auf einer der Inseln im Ägäischen Meer, die Kleinasien vorgelagert sind. Man entsinnt sich, daß bei der Vertreibung der griechischen Bevölkerung aus Anatolien (1922) viele der auf dem Festland von altersher ansässigen Bauern- und Fischerfamilien auf den Inseln Zuflucht fanden. Dieses Ereignis gibt den historisch-faßbaren Anhalt für die Prosa-Dichtung "Die Madonna mit dem Fischleib".

Vielleicht beherbergt wirklich die Kapelle auf den Felsklippen einer solchen Insel ein Bild, das eine Madonna zeigt, die in der einen Hand ein Schiff, in der anderen einen Dreizack hält, und deren Leib von der Mitte ab mit hellblauen Schuppen besetzt ist und in einen Fischschwanz ausmündet, während ihr Kopf, wie bei allen Ikonen, mit einem Heiligenschein umrahmt ist. Doch auch, wenn dies Bild nur in der Erfindung des Dichters existieren sollte, so bezeugt es, wie sehr überkommene, alte heidnische Vorstellungen sich mit christlichen verweben –, in einem Land und bei einem Volk, wo die Tradition der Mythen niemals aufgehört hat.

Alles, was an mütterlichen Mächten im antiken Hellas lebte, hat sich auf die Person der "Panjia", der "Allheiligen" übertragen; sie ist die "Allheilige Seejungfrau", bedeutet doch der Originaltitel wörtlich übersetzt "Die Allheilige als Gorgone", womit der ozeanische Mythos anklingt. Diese Madonna hat als Abbild einer geistigen Vorstellung eine menschliche Entsprechung in einem geheimnisvollen Mädchen, das anders als die andern ist und dadurch die Gemüter der Olivenbauern, Fischer und Flüchtlinge erregt.

Seine Herkunft ist dunkel; man hat den schreienden Säugling dem Fischer Varuchos ins Boot gelegt, als er betrunken aus der Hauptstadt zurückkehrt. Von ihm an Kindes Statt angenommen, wird die Herangewachsene zur Fischerin ausgebildet; doch scheint sie dem Meere auf eine tiefere Weise verbunden: ihre dem einfachen Volk unerklärliche Schwimmleidenschaft nährt dessen Glauben an Nixen (Gorgonen), und ihr abweisendes Verhalten gegenüber Männern erscheint unheimlich. Es kommt darum zu Tragödien der Schwermut und einem Selbstmord; derart unschuldig schuldig geworden, verschenkt das Mädchen all seine Habe und weiht sich dem Dienste der "Madonna mit dem Fischleib", um so dem Begehrtwerden völlig zu entgehen.

Die Flucht vor der natürlichen Bestimmung des Weibes hat hier tiefe psychologische Gründe, die in einem Kindheitserlebnis wurzeln, das kaum mehr als gestreift wird. Psychoanalytisch gesehen ein Angstkomplex, ist dieser – dichterisch gesehen – mehr als das: denn er bewirkt das Hineinwachsen in eine metapsychologische Frömmigkeit, das die geistig-seelischen Eigenschaften zu höchster Reife bringt. Von der Natur mit allen Vorzügen ausgestattet, steht diese Smaragdi doch zugleich außerhalb der sehr realen Umwelt ihres Inseldorfs, die mit folkloristischem Glanz und aus genauer Kenntnis der Lebensgewohnheiten jener Bauern und Fischer dargestellt ist, deren jeder, ob Mann ob Weib, bewundernswert charakteristische Gestalten im Rahmen des ganzen Geschehens abgeben. – Als Übersetzer zeichnet Helmut von den Steinen, der das poetische Fluidum des Originals aufs glücklichste nachempfunden hat. Christian Otto Frenzel