Einer der amüsantesten.und gleichzeitig in mehrfacher Hinsicht "enthüllenden" Importe aus den USA ist der Strip tease, der zu einer wahren Landplage des Vergnügungslebens von Tokio geworden ist. Es gibt Theater, die auf nichts anderes spezialisiert sind: Entkleidungstänze bieten die Hauptattraktion jeder Bar. Aber eine amerikanische Spezialistin auf diesem Gebiet, die hier ein Gastspiel gab, traf mit ihrer Kritik den Nagel auf den Kopf: Zu viel strip, meinte sie, zu wenig tease, mit anderen Worten: die guten Mädchen hüpfen auf die Bühne wie Kälbchen auf die Wiese, und huschhusch ist das Kleidchen schon weg. Da gibt es keine Aufreizung, kein Zögern, wie in Ländern, wo die fleischliche Verlockung als Sünde gilt und jeder Augenblick der Sündigkeit daher ausgekostet wird. Man braucht ja nur in Japan in ein öffentliches Bad auf dem Lande zu gehen, wo Männlein und Weiblein noch in aller Unschuld im Evakostüm miteinander baden. Für den Japaner ist da gar nichts dabei. Ich habe mich in Tokio nie ganz des Eindrucks erwehren können, daß die jungen Leute, die Eintritt zahlen, um diese Tänzerinnen zu sehen, das als eine Art Opfer tun: das ist fortschrittlich ...

Genau dasselbe ist zu sagen von einer Welle von Filmen über Jugendkriminalität, an denen gegenwärtig die Kinos mächtig verdienen. Die "Halbstarken" und ihre Mädchen benehmen sich dann auf eine so übertriebene Weise unmoralisch, wie es in der japanischen Wirklichkeit kaum vorkommt: auch das ist "modern".

Wenn so in allem, was ans Animalische appelliert, Amerika triumphiert, so ist anderseits der Geist hauptsächlich auf Europa ausgerichtet. In den Kaffeehäusern, die ihre Besucher durch Schallplattenkonzerte klassischer Musik anlocken, nagen struppige Studenten zu den Klängen Beethovens leidenschaftlich an ihren Fingernägeln. Man liest Heidegger und Sartre und deutet das eigene Dilemma in existentialistischer Terminologie.

Die Manie, kultiviert zu erscheinen, zeigt sich auf fast komische Weise, indem Bars sich nach Rilke und Rimbaud nennen (ohne daß irgendein Insasse etwas Näheres über die betreffenden Herren wüßte). All das segelt unter dem Namen Apre, das heißt Après guerre. Mädel, die ihre moderne Gesinnung durch Audrey-Hepburn-Haarstil oder Ponyschwanz, blaue Cowboyhosen und freien Lebenswandel dokumentieren, nennen sich Apre Ga (das heißt Après guerre girl). Aber dieser ganze Nihilismus ist allzu bühnenhaft, als daß man nicht ständig den Souffleur vernähme.

Japan hat, möchte ich sagen, die Begegnung von zwei grundverschiedenen Zivilisationen durch eine Art Schizophrenie gelöst, in der die beiden auf zwei ganz verschiedenen Ebenen fortleben und sich überschneiden. Diese Schizophrenie zeigt sich unter anderem im alltäglichen Benehmen: Auf der einen Seite sind die Japaner in Situationen, die in ihrer traditionellen Sitte verwurzelt sind, von einer ungewöhnlichen, reizvollen Höflichkeit. Auf der andern Seite gibt es nichts Rücksichtsloseres als das allmorgendliche Gedränge in der Stadtbahn, nichts Brutaleres als einen rasenden Taxichauffeur in Tokio: Stadtbahn und Taxis sind im japanischen Knigge gewissermaßen nicht vorgesehen.

Aber es besteht kein Zweifel darüber, daß dort, wo die beiden Welten im Konflikt zusammenstoßen, die ältere Konzeption zum Untergang verurteilt ist. Die Generation des Überganges mag die westlichen Formen noch ungeschickt nachäffen. Für die Kinder mögen sie schon ganz natürlich erscheinen. Selbst wenn man nach den politischen und sozialen Reformen der Amerikaner heute wieder eine konservative Tendenz wahrnehmen mag, so ist doch nicht zu zweifeln, daß die westlichen Reformen doch manches Bleibende geschaffen haben. Noch hat die Frauenemanzipation in Japan etwas Künstliches; man hat oft den Eindruck, daß die Frauenrechtlerinnen nicht aus einem wirklichen Bedürfnis heraus kämpfen, sondern weil es international zum guten Ton gehört. Aber das hat doch zur Wirkung, daß die Frau, die früher eine Art unbeachtete Haussklavin war, heute eine Stimme bekommen hat, nicht nur politisch, sondern einfach in dem Sinne, daß man mit ihr zu rechnen beginnt. Es ist zum Beispiel in Tokio der neuen Zeitung Sankei Liji gelungen, sich einen Platz neben den traditionellen Großen Asahi, Yomiuri und Mainichi zu erobern, ganz einfach dadurch, daß sie eine tägliche Frauenseite einschaltete (die freilich von einem Mann redigiert wird).

Die Zerschlagung der alten Familienkonzerne, der Zaibatsus‚ durch die Amerikaner war in mancher Hinsicht ein Schattengefecht, hinter dessen Kulisse die alten Beziehungen weiter bestanden und sich nach dem Frieden wieder festigten. Aber wesentlicher als diese ist eine Verwandlung des Geschäftsdenkens, das mit und infolge dieser Verwandlung stattgefunden hat. Die Fabrikherren sind nicht mehr Feudalherren (die um so stolzer waren, je größer die Armee ihrer unproduktiv beschäftigten Arbeiter war), sondern Manager, die in modernen Kategorien zu denken begonnen haben, genauso wie nun ihre Arbeiter durch Gewerkschaften ein Mitspracherecht gefunden haben.