Während in diesen Tagen die politischen Kommentatoren der einstmals bürgerlichen Parteien in Sowjetdeutschland ihr Ergebenheits-Soll gegenüber der SED wieder einmal übererfüllen, indem sie mit kaum mehr zu überbietender Selbstverleugnung ihre bedingungslose Zustimmung zu allem kundtun, was die Bolschewisten deutscher Zunge sich kürzlich auf der Tagung ihres Zentralkomitees an Eigenlob und Mißerfolgen bescheinigt haben, verbreitet der rote Nachrichtendienst ADN eine Meldung zur diesjährigen Leipziger Herbstmesse: an der bevorstehenden Messe an der Pleiße werden 44 mitteldeutsche Privatbetriebe – als Statisten – mitwirken. Aus den gleichen Blättern, in deren Spalten die politischen Parterreakrobaten ihre halsbrecherischen Künste betreiben, konnten wir vor rund zwölf Monaten entnehmen, daß auf der vorjährigen Herbstmesse noch über hundert Privatfirmen dazu ausersehen waren, das kapitalistische Feigenblatt für den unverhüllten Wirtschaftsbolschewismus in Mitteldeutschland abzugeben ...

Dieser eine Zahlenvergleich besagt mehr als ein stundenlanger Singsang von Walter Ulbricht über die "Perspektiven beim Aufbau des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik". Dank der neuerdings von Moskau vorexerzierten amtlichen Mitteilsamkeit wissen wir von den volkseigenen Pankower Zahlenjongleuren – sprich Statistikern –, daß in der Zone der Anteil der Privatwirtschaft am Bruttosozialprodukt von 44,7 v. H. im Jahre 1950 auf 31,4 v. H. im Jahre 1955 zurückgegangen ist. In der industriellen Bruttoproduktion sank in der gleichen Zeit der privatwirtschaftliche Anteil von 23,5 auf 14,7 v. H., in der Bauwirtschaft von 61,1 auf 47,1 v. H., im Großhandel von 28,9 auf 4,7 (!) v.H., im Einzelhandel von 52,8 auf 32,0 v.H. Einige Feststellungen Ulbrichts vor dem Zentralkomitee lassen keinen Zweifel daran, daß man augenblicklich und in nächster Zukunft angesichts der wenig rosigen "Perspektiven" der roten Politökonomen die Reste der Privatwirtschaft zu streicheln gedenkt‚ um durch ihre Mithilfe das leck gewordene Schiff des Staatskapitalismus wieder flottzumachen. Ebenso unbezweifelbar aber haben die sowjetdeutschen Staatsschiffkapitäne schon jetzt eine Vorstellung davon, wo der Fußtritt sitzen muß, um den privatkapitalistischen Ballast über Bord zu werfen, wenn ihr Wellenbrecher erst wieder ein paar Knoten macht.

An diese Tatsachen sollten die unverdrossenen Leipzig-Fahrer aus dem Westen gelegentlich denken, wenn die biedermännisch getarnten kommunistischen Messespezialisten ihnen mit Augurenlächeln die 44 Vertreter des "aufblühenden Mittelstandes" vorführen sollten. Einige dieser 44 tragen schon – für den Uneingeweihten und Unbefangenen allerdings unsichtbar – die von kräftigen roten Fäden durchzogene Schlinge der "staatlichen Kapitalbeteiligung" um den Hals, die sich hinter dem Zusatz "Kommandit-Gesellschaft" zum Firmennamen verbirgt. Der Kommanditist ist niemand anderes als der eigene Henker. Wer mit solchen "Privatunternehmern" verhandelt, wird gut daran getan haben, wenn er sich zuvor ein wenig im Verstehen von Bauchrednern geübt hat. Dann wird er das Erlebnis zu schätzen wissen, unter dem Sternenzelt eines koexistenzialistischen Sowjethimmels aus einem gerade noch lebenden Leichnam schon die Stimme aus dem Jenseits zu vernehmen.

In diesem Jahr sind es noch 44 teils vollendete, teils prädestinierte Opfer. Wieviel werden es in zwölf Monaten sein...? gns.