Die Dockers und die Millers: diese beiden Ehepaare stehen seit Wochen im Vordergrund der "Gesellschaftskritik" in England. Die Dockers sind Musterbilder der neuen Herrscherschicht, der Millionäre des Spesenkontos. Sir Bernard Docker hat die Sache nur etwas zu weit getrieben. Als nicht nur die Autos mit vergoldeten Kühlern und Zebrahautbespannung, sondern auch die echt goldenen Luxustoiletten der extravaganten und etwas vulgären Lady Docker auf Sir Bernards Spesenkonto auftauchten, setzten die Aktionäre der Birmingham Small Arms Company (der die Daimler-Werke angeschlossen sind) ihn von dem Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden ab. Nun sammelt das Paar neue Kräfte an der Riviera für den Kampf der bisher mißglückten Rehabilitierung. – Madame Marilyn Monroe Miller und Arthur Miller ‚ das "platinblonde Pin-up-Girl" und der "Exkommunist und Intellektuelle", wie diese beiden so verschiedenen Größen in der englischen Öffentlichkeit apostrophiert werden – leben im Augenblick hinter Stacheldraht und Polizeikordon auf einem englischen Landsitz nahe London abgeschirmt gegen die allzu enthusiastische Außenwelt.

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Gehörte es bisher zum guten Ton in geistigen Kreisen, all jene publizistischen Operetten um das Privatleben der Agas, Avas, Ritas, Grohas und Zsa-Zsas kulturbewußt zu verachten, so hat die Verheiratung der Ex-Sexbombe Marilyn Monroe mit dem amerikanischen Dramatiker Arthur Miller eine erstaunliche Bresche in diese Abwehrhaltung geschlagen. In geistig anspruchsvollen Abendgesellschaften kann man heute durchaus mit warmer Sympathie, die neuesten MMM-Nachrichten diskutieren hören, und von derselben blonden, gutgebauten jungen Dame, die noch vor wenigen Wochen als die personifizierte Unkultur erschien, geht jetzt das Wort um: "Welch erstaunliche, eigenwillige Person!" Kein Zweifel, die Ehe Miller-Monroe ist vor allem bei den Intellektuellen, vom Broadway bis zum Kurfüstendamm, populär.

Daß Marilyn sich von einer geistig unbelasteten Sportkanone scheiden ließ und keinen Millionär angelte – obwohl sie in einem ihrer erfolgreichsten Filme gezeigt hatte, wie man das macht –, sondern einen Hirnmenschen nahm, hat es den "Egg-Heads", den intellektuellen Eierköpfen, angetan. Die Stimmen der durch hundert Erfahrungen gewitzten Skepsis vertreten dagegen die Ansicht, es sei "alles nur Reklame", der neueste und abgefeimteste Trick einer perfektionierten Publicity-Mache, die, nachdem Sex und Skandal nicht mehr zögen, auf Geist als Gag, als noch unverbrauchte, besonders pikante "Masche" verfallen sei. Sie registrieren mit melancholischer Ironie, daß und wie jetzt der bekannte Dramatiker in der populären Publizistik zum Mann der bekannteren Filmschauspielerin, wie erst auf diese Weise der Geist schlagzeilenreif wird. Also nicht Triumph des Intellekts, sondern Beweis seiner Schwäche? Oder übt die Ehe der ehemaligen "Kurvenkönigin" mit dem ernsten Dramatiker vielleicht deshalb eine so seltsame Faszination auf die Intellektuellen aus, weil bei ihnen dadurch ein gewisser erotisch-gesellschädlicher Mauerblümchenkomplex kompensiert wird: Seht her, nicht nur Filmstars, Fürsten, Fußball- und Finanzkanonen werden "erwählt", auch Dichter und Denker haben noch Chancen?

Was aber, wenn diese beiden Menschen sich wirklich einfach gern haben? Wenn sie aus eben diesem Grunde geheiratet haben, aus dem man auch eine Ehe eingehen kann: aus Liebe? Rolf Becker