Dd., Wiesbaden

Der Schuß aus der 6,35-Millimeter-Pistole des 38jährigen Wiesbadener Barbesitzers Karl von Winterfeldt, der am 19. August-gegen 3.30 Uhr den 27jährigen Fernfahrer Herbert Jung ins Herz traf, mutet wie eine späte Rechtfertigung der Polizeimaßnahmen an, die vor zwei Jahren, im Juli 1954, gegen Winterfeldts gut geführte, geschmackvoll eingerichtete und von den angesehensten Bürgern der Landeshauptstadt besuchte "Maxim-Bar" in der Wiesbadener Bahnhofstraße eingeleitet und damals von einem Teil der Presse scharf, kritisiert wurden. (DIE ZEIT berichtete am 15. 7. 1954 unter der Überschrift "Zu viel Macht für die Polizei" über jene Vorfälle und über die nach unserer Meinung mit dem Grundgesetz nicht vereinbarten Machtbefugnisse, die der Wiesbadener Polizeipräsident Herbert Becker aus dem preußischen Polizeiverwaltungsgesetz ableitete.)

Damals, im Juli 1954, hatten von Winterfeldt und sein Portier Willi Böswetter gemeinsam einen Mann vor die Tür gesetzt, der ihnen als Gast unerwünscht war und nicht freiwillig von einem Besuch der Maxim-Bar Abstand nehmen wollte. Winterfeldt legt Wert auf gutes Publikum; das mußte ihm der Polizeipräsident trotz mehrjähriger erbitterter Fehde um die Nachtkonzession, die zugunsten des "Maxim" ausging, bestätigen.

Allerdings gingen Portier und Barinhaber bei der Ausübung ihres Hausrechtes etwas zu weit; der Mann stürzte die steile Eingangstreppe hinunter. Die durch einen Passanten alarmierte Polizeistreife forderte von dem Barinhaber eine Aufklärung des Vorfalles. Die Beamten behaupteten später vor Gericht im Gegensatz zu von Winterfeldt, er habe, jede Auskunft verweigert. Darauf sei er aufgefordert worden, zur Wache mitzukommen.

Dem Barinhaber erschien damals die Rechtslage ungeklärt, er ging ans Telephon, um das Polizeipräsidium anzurufen. Daran wurde er durch das zur Verstärkung alarmierte Überfallkommando gehindert, das schließlich zum Schrecken der Gäste mit vorgehaltener Pistole die Kapitulation des Barr inhabers erzwang und ihn samt Kellner und Portier ins Präsidium verfrachtete. Eine Vernehmung wurde dort nicht durchgeführt, man ordnete lediglich Blutproben an, die negativ verliefen. Vor dem Wiesbadener Schöffengericht gelang es später den Beamten keineswegs, die damaligen "Sistierungen" mit der Strafprozeßordnung oder sonstigen gesetzlichen Bestimmungen in Einklang zu bringen.

Nachdem von Winterfeldt in dieser Sache und in der Frage der Nachtkonzession seinen Standpunkt gegenüber dem Polizeipräsidenten im wesentlichen durchgesetzt und inzwischen auch noch in dem Kurort Schlangenbad im Taunus ein gut ausgestattete; Hotel eingerichtet hatte, ereignete sich nun am 19. August ein Zwischenfall, der seine weitere Laufbahn als Gastronom ernstlich in Frage stellen dürfte

Gegen drei Uhr erschienen – nach den Berichten eines an der Auseinandersetzung mit dem Barinhaber beteiligten. Zeugen – zwei deutsche Fernfahrer und ein Amerikaner in der Eingangstür des "Maxim". Während der Amerikaner hereingelassen worden sei, so behauptet der Zeuge, sei den beiden Fernfahrern der Zutritt mit dem Bemerken verwehrt worden, es seien keine Plätze mehr vorhanden. Als die beiden Fahrer nicht gleich verschwanden, habe von Winterfeldt sie die Treppe heruntergeworfen. So berichteten die beiden kurz danach der Wiesbadener Polizei. Der diensthabende Beamte wollte aber nach den Erfahrungen von 1954 das heiße Eisen Winterfeldt nicht noch einmal anfassen, sondern riet den verhinderten Barbesuchern, sich wegen zerrissener Anzüge und anderer erlittener Unbill mit dem Barbesitzer auf dem Wege der Privatklage auseinanderzusetzen.