Ein von dem legendenumwobenen EOKA-Chef Dighenis – er nennt sich "der Führer" – unterzeichnetes Flugblatt hat, einstweilen, in Zypern zur Waffenruhe und damit zur Rückkehr eines nach außen hin beinahe wieder normalen Alltagslebens geführt. Die Engländer scheinen bereit, die abgebrochenen Verhandlungen wiederaufzunehmen, nachdem die Bedingung, den EOKA-Terror einzustellen, erfüllt worden ist. Freilich ist damit zu einer Lösung nur der erste Schritt getan. Kann der verbannte Erzbischof Makarios zu Verhandlungen herangezogen werden? Oder finden sich, entgegen allen Erwartungen, doch Zypriosten, die bereit wären, auch ohne den Erzbischof zu verhandeln? Werden vielleicht jetzt, wo bei den leicht entflammbaren Griechen vernünftige Überlegungen Raum zu gewinnen scheinen, die inzwischen verbitterten Türken sich jeder Kompromißlösung halsstarrig entgegenstellen? Für die Beantwortung solcher Fragen ist es wichtig zu wissen, wie die Situation an Ort und Stelle beurteilt wird. Unser Berichterstatter besuchte Zypern und schildert hier seine Eindrücke.

Nicosia, im August

Schon der erste Eindruck, den man beim Betreten der Insel Zypern gewinnt, zeigt: Hier gibt es drei separate Welten, deren Repräsentanten – Engländer, griechische Zyprioten und Türken – fast ohne Kontakt miteinander leben. Anschuldigungen und Gegenbeschuldigungen flogen hin und her, und die kleinste Provokation konnte zu Schlägereien zwischen Griechen und Türken oder Kämpfen zwischen Engländern und Griechen führen. Eine gefährliche Situation, die dadurch nicht leichter wird, daß die Türkei erklärt hat, sie werde die Insel annektieren, falls England sich zurückziehe. Dies könnte Krieg zwischen NATO-Partnern bedeuten. Wie aber kam es, daß diese Insel, nur 3570 Quadratkilometer groß, die ganze Südostflanke des Nordatlantikpaktes aufzureißen droht?

Seit Jahrzehnten verlangt die griechische Bevölkerung – etwa 80 v. H. der 524 000 Inselbewohner – ENOSIS, das heißt Vereinigung mit Griechenland. Sie kann sich dabei auf das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung stützen, das während des zweiten Weltkrieges immer wieder von den Alliierten betont wurde. Die Ereignisse im Nahen Osten, wo ein Land nach dem andern unabhängig wurde, trugen dazu bei, auch in Zypern ein Feuer der Nationalbegeisterung zu schüren, das von Athen aus sorgfältig genährt wurde.

Am 1. April 1955 kam es zur Explosion. Die Terroristengruppe EOKA begann ihre Angriffe auf Engländer und türkische Zyprioten. Der Kampf galt dabei nicht einmal in erster Linie den Engländern, sondern jenen Zyprioten, die der ENOSIS lauwarm gegenüberstehen. Inzwischen sind mehr Zyprioten umgebracht worden als englische Soldaten.

Die Kampfmethoden der EOKA waren nicht dazu angetan, die Sympathien eines unbeteiligten Zuschauers zu wecken: Schüsse aus dem Hinterhalt... Bomben in Kaffeehäusern ... Morde auch in Kirchen und Spitälern ... Die zypriotische Bevölkerung war dadurch völlig eingeschüchtert. Sie ängstigte sich. Aber auch die Gegenmaßnahmen der Engländer – Todesurteile, Kollektivbußen, Verhaftungen ohne Gerichtsurteil – konnten die Angst nicht beseitigen. Im Sommer letzten Jahres versuchte England, die ENOSIS-Bewegung zu steuern, und schlug den Zyprioten Selbstverwaltung auf allen Gebieten vor; nur die interne Sicherheit, die Verteidigung und die Außenpolitik sollten in Händen der Engländer bleiben. Über die nationale Zugehörigkeit der Insel sollte, nach diesen englischen Vorschlägen, verhandelt werden, sobald sich die Lage im Nahen Osten geklärt habe. Doch die Londoner Verhandlungen scheiterten. Der wichtigste Verhandlungspartner, Erzbischof Makarios, wurde von den Engländern deportiert – eine Maßnahme, die auch in England heftige Kritik ausgelöst hat.

Es sind in erster Linie strategische Überlegungen, welche die Insel im jetzigen Zeitpunkt für England unentbehrlich machen: Zypern ist der einzige Punkt im Vorderen Orient, wo die Engländer noch Militärstützpunkte auf "eigenem Territoriunterhalten können, nicht auf Verträge arabischen Staaten angewiesen sind. Strategisch gesehen gleicht Zypern wirklich einem unversenkbaren Flugzeugträger. Fieberhaft wird am Ausbau der Flugfelder gearbeitet. Bei Akrotiri, an der Südküste, ist ein Flugplatz für modernste Düsenbomber im Bau. In Episkopi ist die Errichtung des britischen Hauptquartiers Nah-Ost schon beinahe vollendet. Die Gesamtausgaben für alle militärischen Projekte belaufen sich auf mehr als fünfhundert Millionen DM.