Meggen-Luzern, im August

Es ist ein Glück, daß die Amerikaner im Streit Ägyptens mit England und Frankreich eine mittlere Stellung einnehmen. Zwar werden sie dafür hart gescholten, besonders von denjenigen Franzosen, die schuld daran sind, daß Europas gegenwärtige Ostmarken noch immer wehrlos sind, aber nur so können die Vereinigten Staaten ein namenloses Unglück verhüten. Anthony Eden, der Ministerpräsident Großbritanniens, hat nämlich Neigung, die verhängnisvolle Rolle noch einmal zu spielen, in der er sich in den dreißiger Jahren gefallen hat, und Paris überläßt ihm neuerlich die Führung.

Die jüngsten Reden Edens gegen Nasser erinnerten in unheimlicher Weise an seine diplomatischen Feindseligkeiten gegen Mussolini im Jahre 1935. Der italienische Diktator, der damals noch recht gut bei Verstand war, hatte im vorangegangenen Jahr die Einverleibung Österreichs ins Dritte Reich verhindert. Er hatte sich dadurch den Haß Hitlers zugezogen. Er wollte nun seinen Lohn. Er sagte den Westmächten: "Laßt mir Abessinien, das ohnehin nicht viel wert ist, und dafür verhüte ich weiterhin das Verschwinden Österreichs." Auf diese Art versuchte er, zu seinem Gewinn die Westmächte und Deutschland gegeneinander auszuspielen. So ist Außenpolitik immer gemacht worden.

Eden aber weigerte sich, darauf einzugehen. Er, der zunächst Hitler mit beiden Händen streichelte, veranstaltete ein Kesseltreiben gegen Mussolini. So stieß er diesen in Hitlers Arme. So opferte er Österreich für Ostafrika, und indem er Österreich preisgab, öffnete er Hitlers Weg nach Ungarn und in den Balkan, gab er ihm die Möglichkeit, Böhmen, Mähren und die Slowakei einzukreisen, sich der polnischen Südgrenze zu nähern und, wichtiger als all das, die Italiener unmittelbar zu bedrohen. In diesem Augenblick verwandelte sich der Duce aus einem Gegner Hitlers nicht in einen Bundesgenossen, sondern in einen Gefolgsmann wider Willen!

Heute, zwanzig Jahre später, findet man Eden abermals behutsam und nachsichtig mit dem eigentlichen Feind und gehässig gegen denjenigen, der nur seinen Kaffee an dessen Feuer wärmen will. Was tat Eden nach dem Aufstand von Posen? Ermutigte er die Unterjochten? Nutzte er die Gelegenheit, den Spieß des Anti-Kolonialismus umzukehren? Protestierte er in flammenden Worten gegen die Versklavung einer Nation, die im Vertrauen auf Englands Wort den Forderungen Hitlers getrotzt hatte? Nichts dergleichen. Eisenhower und Dulles sagten wenigstens das, was sich geziemte. Eden machte nicht einmal den Mund auf. Sein "Sprecher" sagte zu den Zeitungsleuten, es handle sich um eine innere Angelegenheit eines anderen Landes, und er bedaure, daß Blut vergossen worden sei. Mit anderen Worten: "Das geht uns nichts an; wir mischen uns nicht ein."

Gegen Nasser aber findet Eden in Gift und Galle getauchte Worte. Er fordert sogar seinen Sturz. Er spricht ihm jede Glaubwürdigkeit ab. Die Briten waren sehr verstimmt, als der amerikanische Verteidigungsminister Wilson sagte, es handele sich um eine vergleichsweise geringfügige Angelegenheit. Eine kurze Überlegung beweist die Richtigkeit dieser Feststellung: Eden selbst behauptet, die Enteignung der Suezkanal-Aktionäre sei nicht das Wesentliche, wohl aber zeige diese Eigenmächtigkeit, daß Nasser eines Tages auch das Versprechen verletzen könnte, die Freiheit des Wasserweges zu achten. Diesen Vertragsbruch hätte Nasser aber auch dann begehen können, wenn er die Aktionäre ungeschoren gelassen hätte. Mit dieser Gefahr mußten die Briten also von dem Augenblick an rechnen, da sie ihre Truppen vom Suezkanal abzogen. Das ist also nichts Neues. Die ägyptischen Herren waren damals nicht vertrauenswürdiger als heute.

Mit seiner merkwürdigen Diplomatie kann also Eden nur erreichen, daß Ägypten bei der Sowjetunion Schutz sucht und von ihr abhängig wird, wie seinerzeit Mussolini von Hitler. Hätten sich die Amerikaner den Briten und Franzosen ohne eigene Meinung zur Verfügung gestellt, so wäre dieses Ergebnis unvermeidlich geworden. Darum ist es ein Glück, daß dem Obersten Nasser nicht nur Moskau als scheinbarer Vermittler zur Verfügung steht, sondern auch Washington als echter. Niemand kann die Außenpolitik der Vereinigten Staaten seit dem Kriegsende einwandfrei und meisterhaft nennen, aber besser als die britische von Bevin bis Eden ist sie fast immer gewesen. Robert Ingrim