Lothar Schreyer, der Autor dieses Buches, wurde vor wenigen Tagen 70 Jahre alt.

Sturm" und "Bauhaus" bezeichnen zwei der interessantesten und folgenreichsten Kapitel in der Kunst- und Geistesgeschichte unseres Jahrhunderts. Ehemalige Bauhäusler sind noch heute auf den verschiedensten Gebieten – der Architektur, der Industrieform, der Typographie, der Plakatkunst – tonangebend. Gropius hat das Bauhaus gegründet, Mies van der Rohe war sein Nachfolger; als "Formmeister", die den einzelnen Werkstätten vorstanden, wirkten Feininger, Kandinsky, Paul Klee (für Glasmalerei, später für Weberei), Gerhard Marcks (für Töpferei), Johannes Itten (dem die heutige "Kunsterziehung" wesentliche Impulse verdankt). Als das Bauhaus 1933 als "Brutstätte des Kulturbolschewismus" geschlossen wurde, kamen seine Ideen nicht zum Erliegen, sondern emigrierten.

Die Rolle des "Sturm" ist weniger offensichtlich, seine Bedeutung ist allgemeiner, weil nicht auf die bildenden und angewandten Künste beschränkt, und verliert sich um die Mitte der zwanziger Jahre in einem Nebel expressiver Schwarmgeisterei. Die 1910 von Walden gegründete Zeitschrift verdankt ihren attraktiven Namen der Dichterin Else-Lasker-Schüler, Waldens erster Frau. Der Zeitschrift wurden bald eine Galerie, später sogar Bühnen und Schulen angeschlossen. Zwischen 1910 und 1920 war der "Sturm" die Berliner Filiale der europäischen Avantgarde, der "Blauen Reiter" und "Brücke"-Maler, der Kubisten, Futuristen, Dadaisten, und mit einem erstaunlichen Spürsinn hat Walden fast immer diejenigen herausgefunden, deren Namen spätter in die Kunstgeschichte eingingen. Er selbst emigrierte vor 1930 nach Rußland, um die künstlerische Revolution des Expressionismus mit der Revolution des Kommunismus zu koordinieren.

Einer der wenigen noch lebenden Künstler, die am "Sturm" und "Bauhaus" aktiv mitgewirkt haben, hat sich jetzt mit einem Bericht zu Wort gemeldet, der alle Vorzüge und Schwächen eines unmittelbar beteiligten Augenzeugen aufweist:

Lothar Schreyer: "Erinnerungen an Sturm und Bauhaus", Albert Langen / Georg Müller, München. 295 S., 19,80 DM.

Ein Siebzigjähriger, der mit Rührung, mit Humor, mit Stolz und Resignation auf seine künstlerische Jugend und die einstigen Weggefährten zurückblickt und der sich von seiner Vergangenheit nachdrücklich distanzierte, indem er zur katholischen Kirche konvertierte und sein Schaffen in den Dienst der Kirche stellte. Der Verfasser hat einige Jahr? den "Sturm" redigiert, er hat expressionistische Dramen verfaßt und die "Sturm"-Bühnen geleitet, lehrte von 1921 bis 1923 am Bauhaus und ist mit fast allen Künstlern und Dichtern der Kunstwende in nahen Kontakt gekommen. Aus dieser menschlichen Nähe schildert er eine Fülle köstlicher Episoden: das Trinkgelage mit Theodor Däubler, vom "Nordlicht" magisch überglänzt, oder eine "Sturm-Fahrt in die Nacht", auf der wie auf einer gespenstischen Bühne Feuervogel, Negerspirituals, Berliner Kutscherkneipen und Cläre Waldoff auftauchen. Was Schreyer von den Lebensgewohnheiten der Künstler und ihrem Arbeitsmilieu zu erzählen weiß, ist aufschlußreicher als die vielen tiefsinnigen rekonstruierten Kunstgespräche,

In einem entscheidenden Punkt freilich geht Schreyers Buch über den Rahmen der Memoirenliteratur weit hinaus. Es gibt eine ungefähre Vorstellung von dem geistigen Klima, in dem die Künstler von Sturm und Bauhaus geschaffen haben, und es zeigt in bestürzender Weise, daß dieses Schaffen heute zwar international anerkannt, aber willkürlich, nämlich formal-ästhetisch interpretiert wird, Schreyer mag die metaphysische Gestimmtheit der modernen Kunst vielleicht überschätzen. g. s.