François-Poncet schrieb vorige Woche im Figaro einen Leitartikel unter dem Titel: "Ein Erfolg Nassers würde den Einfluß der Nazis in Deutschland verstärken." Beweis für diese überraschende These ist die durch keine Tatsache belegte Behauptung, eine kleine Gruppe unverbesserlicher Nazis übe entscheidenden Einfluß auf Nasser aus.

François-Poncet ist es offenbar ganz entgangen, daß jene deutsche Gruppe, auf die er doch wohl anspielt (der ehemalige Direktor der Hermann-Göring-Werke Wilhelm Voss und einige militärische Experten), schon mit Nagibs Sturz ihren Einfluß in Kairo verloren und seit dem Erscheinen östlicher Instruktoren im Gefolge der tschechischen und russischen Waffenlieferungen vollkommen an die Wand gespielt worden sind. Nein, Remer und Skorzeny sind auch in Kairo keine Gefahr mehr, sehr viel gewichtigere rote Funktionäre sind an die Stelle der braunen Larven getreten.

Der Botschafter a. D. warnt in seinem Leitartikel, man solle die Rolle, die jene Leute in Kairo und Madrid spielen, "und besonders bei der nordafrikanischen Rebellion" (!) nicht unterschätzen. Ja, seine Phantasie geht noch weiter: "Sie bereiten" sagt er, "die Stunde ihrer Rückkehr nach Deutschland vor, wo ihre nationalistischen Freunde schon auf sie warten". Also: die Nazis sind an allem schuld! An Nassers erfolgreichem Handstreich ebenso wie an dem Fiasko der französischen Politik in Nordafrika. Diese Vorstellung vom "ewigen Nazi" steht würdig neben dem ebenso albernen Ammenschreck "der Weisen von Zion". Merkwürdig, daß ein erfahrener Diplomat, der doch gewohnt ist zu beobachten, zu wägen und zu formulieren, so unbekümmert daherplaudert, wenn er sich in die Rolle des Journalisten begibt.

Allerdings ist es augenblicklich in der französischen Presse üblich, sich über die Deutschen zu beklagen, die – nach manch traurigen Erfahrungen der forschen Reden überdrüssig – skeptisch den schneidigen Worten Pineaus vor der Nationalversammlung lauschten, als der Außenminister verkündete, Nasser werde vor der Wahl stehen, die Beschlüsse der einberufenen Suez-Konferenz anzunehmen, oder aber er werde gezwungen werden, sich diesen Beschlüssen zu unterwerfen. Und die Nachrichtenagentur AFP behauptete neulich, aus "wohlinformierten Quellen" erfahren zu haben, daß "die Bundesrepublik sich weigert, auch nur die mindeste Solidarität mit Großbritannien und Frankreich zu zeigen und zum Beispiel gewisse finanzielle Sanktionen gegen Ägypten anzuwenden".

Ob Solidarität wirklich darin besteht, alles, auch die übereilten Schritte mitzumachen und unbedachten törichten Reden Beifall zu spenden? Ob nicht Dulles, der Vielgeschmähte, England und Frankreich mit seinem maßvollen Konzept auf der Londoner Konferenz weit nützlicher war als er je hätte sein können, wenn er schon vor der Konferenz solidarisch in den drohenden Rachechor eingestimmt hätte? Dff.