Vaduz, im August

Mit geschickter Hand hat die fürstliche Landesregierung von Liechtenstein (die laut Artikel 81 der Landesverfassung aus nur zwei festbesoldeten und zwei bis vier ehrenamtlichen Mitgliedern besteht – glücklicher Staat!) – die in diesem Jahr fälligen Staatsfeierlichkeiten über den Spätsommer verteilt; insonderheit hat sie die Feier des angeblichen 150jährigen Geburtstages dieses Ländchens vom 12. Juli auf den 8. und 9. September verlegt. Eben jetzt, Mitte August, wurde der 50. Geburtstag des Landesherrn gefeiert. Möglich, daß das Jubiläum der Staatsgründung in die für den Spätsommer vielleicht doch noch zu erwartende Gutwetterperiode gelangt. Um so mehr Fremde werden sich einfinden.

Liechtenstein, glückliches Tal des Friedens! Wer es als Journalist durchreist, wird der römischen Weisheit gedenken: difficile est, satiram non scribere ... Ein Liliputstaat mit einer Handvoll Polizisten als Wehr – die gesamte Streitmacht ist aus dem schweizerischen Telefonbuch, Teil V, zu entnehmen, in dem jeder einzelne Schutzmann mit seiner Rufnummer verzeichnet ist –, ein Gemeinwesen von 3379 wahlberechtigten Bürgern mit vollständigem Parlament, zwei politischen Parteien und einer Verfassung mit 114 Artikeln: wen verlockte das nicht, weitere Kuriosa aufzustöbern oder – zu erfinden? So die Fabel von der angeblichen Steuerfreiheit aller Liechtensteiner und von den Briefmarken als der alleinigen oder Haupteinnahmequelle des Staates; Fabeln, wie das Steuergesetz vom 11. Januar 1923 und die Staatshaushaltsrechnung beweisen: im Rechnungsjahr 1954 wies das Landesbudget ein Gesamtvolumen von 5,6 Millionen Schweizerfranken auf, es entstand ein Defizit von 97 300 Franken. Die Steuereinnahmen betrugen 3,48 Millionen Franken, der Überschuß der Post 917 000 Franken, der gesamte Erlös aus den Liechtensteinischen Postwertzeichen 928 000 Franken.

Über die europäischen Liliputstaaten Andorra, Monaco, San Marino und Liechtenstein ist schon viel Kluges und Dummes geschrieben worden. Dieser Tage unterstrich eine der beiden Zeitungen, die erstaunlicherweise in der 2700 Einwohnerzählenden Hauptstadt Vaduz erscheinen, die herbe Kritik, die bereits Fürst FranzJosef II. in seinem Rechenschaftsbericht für 1954 an den Artikeln ausländischer Journalisten über das Fürstentum geäußert hatte. Das 157 Quadratkilometer große Gebilde am oberen Rhein, das Fürst Franz Josef II. regiert, verdankt aber den nimmer abreißenden Fremdenstrom, von dem es zum guten Teile lebt und gedeiht, nicht etwa dem ehrfürchtigen Staunen dieser Fremden, sondern ihrem Lächeln über das romantische Operettenmilieu dieses Liliputaniens.

Nichtmehr: Auf Deutschlands Wacht"

Wollen wir also dem Wunsche des Fürsten gemäß dieses Land ernst nehmen, so können wir als Fremde aus dem deutsch gebliebenen Teil der alemannischen Lande hier in Vaduz nicht nur gefällige Souvenirs sammeln und alles reizend finden, sondern es muß uns auch ein kritisches Wort gestattet sein!

Da ist zunächst die Liechtensteinische Volkshymne, die, das fürstliche Schloß und zwei Trachtenmädchen umrahmend, dem internationalen Publikum auf einer Postkarte in folgender Fassung angeboten wird: "Oben am jungen Rhein / Lehnet sich Liechtenstein / An Alpenhöhn. / Dies liebe Heimatland / Mein schönes Vaterland / Hat Gottes weise Hand / Für uns erseh’n. / Wo einst Sankt Luzien / Frieden nach Rätien / Hineingebracht / Dort an dem Grenzenstein / Und längs dem jungen Rhein / Steht furchtlos Liechtenstein / Auf seiner Wacht." Es folgen weitere drei Strophen. Geht man der Sache genau nach, so stellt sich heraus, daß die erste Strophe in Wirklichkeit mit den Worten "oben am deutschen Rhein" beginnt, daß es in der fünften Zeile heißen sollte: "im deutschen Vaterland", und daß nach der Originalfassung des Liedes in der zweiten Strophe "Liechtenstein auf Deutschlands Wacht" steht. Der Chef der fürstlichen Regierungskanzlei, Dr. Emil Schaedler, der die Hymne in seiner Monographie über das Fürstentum Liechtenstein (Vaduz 1956) im vollen Wortlaut bringt, erläutert die mehrfache Bezugnahme auf Deutschland gewissermaßen entschuldigend: sie sei in der Zeit entstanden, als das Fürstentum dem deutschen Bunde angehörte und habe sich durch Übung – also nicht durch amtlichen Erlaß – zur Nationalhymne entwickelt. Der Text stamme von einem deutschen Geistlichen namens Jauch, welcher einige Jahre (1850–1857) in der Gemeinde Balzers lebte.