Ziegels Witterungsvermögen bezog sich genauso auf den Dramatiker. Kaiser, Klabund, Rehfisch, Schickele, Zuckmayer, Billinger hat er in Hamburg zum erstenmal herausgebracht. Er hat Ernst Barlach, der als unaufführbar gegolten hatte, und Ferdinand Bruckner in Deutschland zum erstenmal präsentiert.

Ziegel war das Musterbeispiel eines Theatermannes, der seinen „Finger am Puls der Zeit“ hält, ein Mann, der sich zur ewigen Aventüre des Geistes bekannte, zur Aventüre, die so viel Mut und so viel Beherztheit erfordert. Diese Aventüre, dieser Aufbruch zu unbekannten Ufern, diese fast fröhliche Keckheit gaben den Abenden am Besenbinderhof das unvergleichliche Fluidum, die Hochspannung und Hochgestimmtheit. Nicht selten gab es auch Proteste und Störungen – mit Pfiffen, Stinkbomben, Tränengas. Aber die enervierende Gleichgültigkeit, in der jede künstlerische Leistung zugrunde geht, war im Parkett der Kammerspiele fremd. Noch gibt es zahllose Menschen, denen die Erlebnisse in Ziegels Theater im Lichte der Verklärung erscheinen – obwohl sie ihre Phantasie im Zaume halten und die Bilder der Erinnerung nicht von Täuschungen überwuchern lassen. Was Gründgens vielleicht in erster Linie von den Kollegen seines Faches meinte, ist, mit einer kleinen Variation, auch auf die große anonyme Gemeinde der früheren Zuschauer beziehbar: von Ziegels künstlerischer und menschlicher Kraft zehren mehr Dankbare, als bekannt ist.

Die Vergangenheit beginnt die Erscheinung dieses Mannes einzuhüllen, die Konturen unscharf und die Bedeutung schwerer wägbar werden zu lassen. Um so eher geboten scheint es, daß, wer die ungenügende Einordnung Erich Ziegels in unsere Theatergeschichte und den Prozeß progressiver Ungerechtigkeit überschaut, immer wieder laut und artikuliert ausspricht, daß er ein Großer war.