In der Rangpyramide des Theaters steht es oft nur auf einer der unteren Sprossen: das Freilichtspiel, dem früher mal eine systematische Ästhetik gewidmet wurde. Vor zwei Jahrzehnten spielte man an mehr als zweihundertOrten in Deutschland Theater unter freiem Himmel. Heute ist eine zentrale Beratung der Freilichtspiele nicht mehr vorhanden. Obwohl damit eine suspekte Möglichkeit ausgeschaltet bleibt, durch Massenschauspiele Propaganda zu infiltrieren, der naive Reiz von Kunst vor der Naturkulisse ist lebendig. Die Freilicht-Intendanten berichten von Rekordbesuchen. Ihren Zuschauern konnten weder Kühle noch Regen in diesem Sommer etwas anhaben.

Genau besehen, ist diese Form des Sommertheaters eine recht zwiespältige Angelegenheit. Das barocke Heckentheater lebte von der Lust jener Zeit, alle Grenzen des Raums und des Stoffes zu überwinden durch den ebenso vitalen wie künstlichen, aber immer einheitlichen Gegensatz, in dem damals die Kunst zur Natur stand. Wenn noch Goethe selbst den Orest und seine Freunde aus der weimarischen Hofgesellschaft die "Iphigenie" auf der Heckenbühne des Schlosses Belvedere spielten, dann ist das mutatis mutandis vergleichbar unseren ortlosen "Nudelbrettern". Die Szene war entbehrlich, sie konnte also auch aus einem kleinen, künstlich umfriedeten Freiluftraum bestehen; denn die Dichtung lebte aus dem Wort. Inzwischen haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Die Natur oder die Architektur werden als Stimmungselemente der Inszenierung aufgesucht. Für Max Reinhardt bedeuteten die Salzburger Domfassade oder die (funktionell anders gemeinten) Logenarkaden der Felsenreitschule prinzipiell dasselbe, wie das Interieur der Salzburger Kollegienkirche, wenn es galt, Mysterienspielen einen Stimmungsrahmen zu schaffen. In welche Bedrängnis dabei der Spielplan geraten kann, das sieht man an der Stagnation der Hersfelder Festspiele. Die romanische Stiftsruine läßt zwischen ihren breiten, unbedachten Bauresten sinngemäß nur wenige Werke zu. "Othello", "Wallenstein" und "Hamlet" müssen, anders als Hofmannsthals Mysterienspiele, schon "eingerichtet" werden. Das ist dann Theater im Freien – auch um den Preis der szenischen Sinnwidrigkeit. Die Schlechtwetterhallen als Ersatzräume – bei Regen findet die Schlacht im Saale statt – bezeugen, wie äußerlich und im Grunde gar entbehrlich für die Regisseure der künstlerische "Freiluftfaktor" ist.

Eine echte Möglichkeit probierten eine Weile die Nazis aus. Sie erkannten, wie alle faschistischen Staaten, daß nirgends so leicht auf der Massenseele zu spielen ist, als eben in jenen großen Freilufträumen, wenn sich eine Menschenmenge als Kollektivseele fühlt, wenn einfache Gedanken groß plakatiert werden. Die spürbare Nähe des Himmels, an dem ein von der Szene abgleitender Blick die Sterne einfängt als Zeugen für die Rechtmäßigkeit des Geschehens drunten, das war ein sicherer Eideshelfer für die "Thingspiele" als Demonstration. Aber die Nazis hatten kein Glück. Ihre Dichter bekamen die Form nicht in den Griff, Nach Eberhard Wolfgang Möllers "Frankenburger Würfelspiel" wurden die Thingplätze bald abgeräumt. Der "Kult" wurde keine Kunst. Es blieb bei den optischen Arbeitsdienstexerzitien auf dem Zeppelinfeld der "Reichsparteitage" rund um eine "Führerrede". Die Turnervorführungen im Moskauer Dynamostadion sind heute noch Verwandte dieses als Kunst gescheiterten Freilichtspiels.

Zwischen den Extremen der Stimmung und des Spektakels breitet sich ungeordnet, suggestiv aus den verschiedensten Gründen, aber fast immer attraktiv das Freilichtspiel in Deutschland aus. Klostergänge und Marktplätze, ein Park oder eine Kirchentreppe, Fels und Wald dienen ihm als Kulisse. Was gespielt wird, ist oft bestürzender, als die Art der Darbietung. Ein paar Stichproben beehrten uns, daß von einer Dramaturgie des Freilichtspiels in der neuen Praxis nicht einmal Ansätze zu bemerken sind. Zum sechsten Male gab es in Eutin "Sommerspiele". Eine Gedenkfeier zum 125. Todestag Carl Maria von Webers, der aus Eutin in Holstein stammt, war der Anlaß, 1951 seinen "Freischütz" im Schloßpark aufzuführen. Den Leuten gefiel’s, und noch heuer bekam man den Eindruck, daß manche Zuschauer hier dem "Freischütz" zum erstenmal begegneten. In diesem Jahr gab man drei "Märchen"-Werke, neben dem "Freischütz" und Humperdincks "Hänsel und Gretel" die "Zauberflöte" – sie hatte (wo nicht?) den größten Erfolg. 26 000 Zuschauer kamen zu 14 Vorstellungen, von denen keine ins (Regen-) Wasser fiel. Eigentlich ist das Ganze trotz sehr viel guten Willens und mancher Leistung ein künstlerischer Irrtum. Es zeigte sich bald, daß gerade ein Stück, von dem die Natur ins Theater geholt wurde, weder in der unverstellten noch in der theatralisch aufgeputzten Natur als Schauplatz existieren kann. Im Park von Eutin geht der Werkrhythmus zwischen Naturdämonie und frommer Innigkeit (die auch szenisch Innenraum sein muß) verloren. Ausgerechnet die Spukromantik der Wolfsschlucht bleibt pappiger Theaterzauber.

Goethe hätte sich wohl kaum träumen lassen, als er in Wunsiedel, der Geburtsstadt Jean Pauls im Fichtelgebirge, einkehrte, daß wenige Kilometer oberhalb auf der "Luisenburg" seine geliebten Griechen, ja, sein weimarischer Dichterkollege Schiller unter freiem Himmel aufgeführt werden sollten. Die Luisenburg gilt als Deutschlands ältestes Naturtheater. Aber Goethe ging in jenem geologischen Felsenlabyrinth seinen naturwissenschaftlichen Neigungen als Gesteinssammler nach. Für unser Theaterleben hingegen ist es bezeichnend, daß dieser flache, aber breite Spielplatz vor mächtig aufgetürmten, von Fichten durchwachsenen Felsblöcken aus einem "Volkstheater" zu einer sommerlichen Stätte ernsthafter und künstlerisch redlicher, nur gar nicht naturverbundenen Kunst geworden ist. Die Stadt Wunsiedel läßt es sich etwas kosten, in einer theaterlosen Gegend, etwa gleich weit von Bayreuth und Hof entfernt, eine Oase sommerlichen Schauspiels zu errichten. Dabei kommen alle auf ihre Kosten. Friedrich Siems, der Kölner Oberregisseur, hat als künstlerischer Leiter sichtbar Schwung und Disziplin in das Naturtheater der Luisenburg gebracht. Er selbst inszenierte Hauptmanns "Schluck und Jau" sowie den "König Ödipus" von Sophokles, der hannoversche Generalintendant Ehrhardt Schillers "Jungfrau von Orleans". Die Eindrücke waren stellenweise stark. Aber sie sind individuelle Künstlerleistungen, die – wie das Hauptmann-Stück auch als Werk – im Innentheater erwachsen sind, wesensmäßig dorthin gehören und nur für den Sommer ins Freie verlegt wurden. Daß am überzeugendsten Sophokles berührte, hängt mit der – vom Naturtheater als Stimmungsträger her gesehen – fast indifferenten Anspruchslosigkeit seiner Szenerie zusammen. Hätte freilich hinter einem Felsen Goethe hervorgelugt, er würde sicherlich protestiert haben gegen die "romantische" Natur als Kulisse einer Dichtung, der nicht die "gotische" Vertikale, sondern die lastende Horizontale als Rahmen des Schicksalsdramas zusteht.

Eine Rundreise zu allen Freilichtbühnen in Deutschland würde dieses Bild nicht wesentlich verändern. Die naive Freude am Theater, sei es, wie es sei, soll gewiß nicht geschmälert werden. Aber dieses echte, ständig wachsende Interesse und die redlich bemühten Leistungen, die hier und da zu sehen sind, sie verlangen, daß dieser Teil unseres Sommertheaters mehr als bisher zum Einklang zwischen Werk, Ort und Darstellungsweise gebracht werde. Johannes Jacobi