Ein weltgeschichtliches Zwiegespräch im "Felsennest" zwischen Adolf Hitler und Carl J. Burckhardt am Vorabend des zweiten Weltkrieges

Am Vorabend des zweiten Weltkrieges – dessen Beginn sich in diesen Tagen wieder einmal jährt – fand auf dem Obersalzberg eines der großen Zwiegespräche der Weltgeschichte statt, nämlich die Unterredung zwischen Adolf Hitler und dem damaligen Hohen Kommissar des Völkerbundes in Danzig, Carl J. Burckhardt; es war am 11. August 1939. Carl J. Burckhardt hat noch am gleichen Tage Aufzeichnungen gemacht mit einer Lebendigkeit und Anschaulichkeit, wie nur ein bedeutender Historiker und Schriftsteller dies vermag. Er hat diesen Bericht dann den Vertretern des englischen Außenministers Lord Halifax und des französischen Außenministers Bonnet am 13. August übergeben. Dieses aufregende Gespräch, das im Band VI der dritten Serie der "Documents on British Foreign Policy" abgedruckt wurde, wird in deutscher Sprache zum erstenmal veröffentlicht in dem in den nächsten Tagen erscheinenden 3. Band der "Geschichte des Zweiten Weltkrieges in Dokumenten", die von Professor Michael Freund im Herder-Verlag, Freiburg/Breisgau, herausgegeben wird.

August 1939: Die Welt blickt gebannt nach Danzig, wo die deutsche und die polnische Interessensphären sich schneiden. Das Schicksal Europas liegt auf der Waagschale. In diesem Augenblick – also gewissermaßen im Angesicht der Weltgeschichte – findet die Unterredung statt zwischen Adolf Hitler und dem Schweizer Diplomaten, Professor Carl J. Burckhardt, der vom Völkerbund als Hoher Kommissar im Freistaat Danzig eingesetzt worden war, nachdem sein Vorgänger, der Ire Lester, an der immer schwieriger werdenden Situation gescheitert war. Denn seit Danzig auf kalte Weise durch "Gleichschaltung" gewissermaßen erobert worden war, nachdem sein Vorgänger, der Ire Lester, an der existierte das Statut der Freien Stadt nur noch auf dem Papier. Burckhardts Rolle war daher viel prekärer als die seiner Vorgänger und glich einem Balanceakt in Permanenz.

Hitler läßt in dieser Unterredung die ganze unheimliche Skala seiner hypnotischen Mittel spielen, von der leisen Überredung bis zum brüllenden Zorn. Er spielt vor allem den reizbaren und unberechenbaren und Tobsuchtanfällen ausgesetzten Mann, den man nicht durch scharfe Worte und energische Maßnahmen reizen darf. Aber Carl Burckhardt hält stand mit ruhiger, souveräner Festigkeit.

An dieser Stelle sei am Rande einmal auf die eigenartige – fast möchte man sagen: einfältige – Art und Weise hingewiesen, in der einige der Aktenveröffentlichungen des Auswärtigen Amtes in London herausgegeben und dann von der englischen Presse kommentiert worden sind.

Als seinerzeit Band V dieser Publikation erschien und eine Aufzeichnung des recht belanglosen nationalsozialistischen Leiters der auswärtigen Abteilung des Danziger Senats, Viktor Böttcher, als Dokument brachte, stürzte sich die englische Presse darauf. Böttcher nämlich schrieb dort, Burckhardt habe ihm gesagt, der Tag seiner Unterhaltung mit Hitler sei "der schönste Tag seines Lebens" gewesen.

Die Herausgeber (Chatham House), denen es offenbar an wissenschaftlichem Urteilsvermögen fehlte, haben dieses Dokument als besonders wichtig sogar im Inhaltsverzeichnis angezeigt, ohne auch nur mit einem Wort auf die Problematik solcher "Zeugnisse" im totalitären Staat hinzuweisen. Problematisch, weil erstens der outsider, der sich mit einem Funktionär unterhält, in den seltensten Fällen seine wirkliche Meinung sagen wird, und zweitens, weil der Funktionär, der darüber dann an seine Vorgesetzten berichtet, im allgemeinen versucht sein wird, etwas Positives daraus zu machen, um sich lieb Kind zu machen. In dem Band VI, der jetzt die Unterredung Hitler/Burckhardt auf dem Obersalzberg veröffentlicht, war auch ein Bericht des deutschen Diplomaten Adam von Trott zu Solz enthalten, der seinen Widerstand gegen Hitler nach dem 20. Juli 1944 mit dem Tode büßte. Auch der Abdruck dieses Berichtes hat vor kurzem in der englischen Presse viel Staub aufgewirbelt, weil man sich in England offenbar nicht vorstellen kann, daß man im Deutschland Adolf Hitlers nicht so reden und schreiben konnte, als wäre man im England Churchills oder Attlees.