Die Entdeckung der Überreste des Neandertalers vor hundert Jahren und ihre Wiederausstellung nach fünfzehnjähriger Auslagerung waren der Anlaß für eine Gedenkfeier in Düsseldorf, auf der sich 500 Vorgeschichtsforscher aus Westeuropa und Übersee am vergangenen Wochenende trafen. Eine Polizeieskorte brachte den berühmten Schädel – für diesen Transport eigens mit 800 000 Mark versichert – für einen Tag aus dem Rheinischen Landesmuseum Bonn nach Düsseldorf. Wir haben den Göttinger Universitätsprofessor und Anthropologen Dr. Gerhard Heberer, der ebenfalls auf der Versammlung sprach und bereits 1950 mit seiner Schrift "Das Präsapiensproblem" auf sich aufmerksam machte, um einen Hinweis auf die Bedeutung des Fundes in den Augusttagen des Jahres 1856 gebeten.

L’homme fossil n’existe pas" – Es gibt keinen fossilen Menschen! George Cuvier, höchste Spitze der Wissenschaft in Frankreich, Autorität für die ganze Welt im beginnenden 19. Jahrhundert, der Begründer der Wissenschaft von den fossilen, "versteinerten" Tieren, der Paläontologie, hatte dies verkündet – und Widerspruch gab es nicht. Der Mensch gehörte der letzten Schöpfungsperiode an – er durfte nicht mit ausgestorbenen Tieren zusammen vorkommen. So wurden auch die Funde menschlicher Skelettreste, die aus gleichen geologischen Schichten mit Knochen eiszeitlicher Tiere, wie Mammut, Rhinozerotiden und Hyänen aus Höhlen Deutschlands und Frankreichs geborgen worden waren, nicht anerkannt. Selbst die so peinlich genauen Ausgrabungen, über die der belgische Paläontologe Schmerling in einer prachtvollen Monographie im Jahre 1833 berichtete und die es eigentlich jedem einsichtig machen mußte, daß hier wirklich der Nachweis des Zusammenvorkommens menschlicher Reste mit eiszeitlichen Tieren erbracht war, blieben wirkungslos. Man sah den Zusammenhang nicht, und Schmerling war durchaus nicht der einzige, dessen Funde in ihrer Bedeutung für die Vorgeschichte des Menschen verkannt wurden.

Etwa um die Mitte des Jahrhunderts jedoch war die Frage des Zusammenvorkommens des Menschen mit Tieren der Eiszeit doch ein diskutables Problem geworden, man hatte weitere Funde gehoben, besonders in Frankreich waren aus eiszeitlichen Schichten unverkennbare Steingeräte, Faustkeile und Spitzen aus Feuerstein geborgen worden, deren Anerkennung als wirkliche Zeugen menschlicher Anwesenheit während der Eiszeit langsam an Boden gewann. Diese Oberzeugung setzte sich endgültig durch, als der französische Paläontologe und Urgeschichtsforscher Eduard Lartet in La Madelaine auf einem Bruchstück eines eiszeitlichen Elefantenstoßzahnes die Ritzzeichnung eines Mammuts entdeckte. Das war im Jahre 1864.

Einige Jahre vorher, 1857, hatte in Düsseldorf eine denkwürdige Sitzung des "Naturhistorischen Vereins der preußischen Rheinlande" stattgefunden. In dieser Sitzung hatten der als vielseitiger Heimatforscher und besonders auch als Höhlenkundiger bekannte Elberfelder Realschulprofessor J. C. Fuhlrott und der Bonner Anatom Professor Schaaffhausen die Reste eines menschlichen Skelettes vorgelegt, von denen Fuhlrott nicht nur behauptete, daß sie eiszeitlichen Alters seien, sondern daß man sie ihrer merkwürdig primitiv anmutenden Gestaltung wegen – massige Überaugenwülste, große Dicke der Schädeldecke – einem "urtümlichen Individuum" des Menschengeschlechtes zuschreiben müsse. Die Skelettreste waren Ende August 1856 Fuhlrott übergeben worden und stammten aus einer Höhle des Neandertales, etwa zwölf Kilometer östlich von Düsseldorf.

Damals floß dort der Düsselbach noch durch eine wildromantische steilwandige Schlucht, die er in die hier anstehenden mitteldevonischen Kalke eingeschnitten hatte. Der Kirchenlieddichter und Pädagoge Joachim Neumann, der bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts in Düsseldorf lebte und lehrte, hielt sich mit besonderer Vorliebe in diesem Teil des Düsseltales auf. Dem Zeitgeist entsprechend, hatte er seinen Namen gräzisiert und nannte sich "Neander". Ihm zu Ehren hieß seit jener Zeit die Schlucht das "Neandertal". Heute gibt es allerdings eine Düsseischlucht nicht mehr. Die Kalkindustrie begann um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Kalke, das sogenannte "Gestein", rücksichtslos abzubauen. Die ehemalige Romantik des Tales verschwand, und die Talwände, in Steinbrüche verwandelt, sind Hunderte von Metern auseinandergerückt, und von den Höhen schauen mächtige Kalkwerke in das Tal hinab. In den Steilwänden der Neanderschlucht befanden sich mehrere Höhlen. In einer von ihnen, in der "kleinen Felddorfer Kirche", etwa zwanzig Meter über der Talsohle gelegen, fanden, Steinbrucharbeiter – vermutlich Anfang August 1856, als der Kalkabbau auch diese Höhle erreichte – eingebettet in den Höhlenlehm die Reste eines Skeletts. Man schrieb sie zunächst einem Höhlenbären zu. Ende August gelangten sie in den Besitz Fuhlrotts, der sogleich ihre wahre Natur erkannte: Eiszeitmensch, Mensch eines besonderen Typs, dessen Skelett gegenüber dem des heutigen Menschen einen so eigenartig primitiven Eindruck hervorrief und – wie Schaafhausen betonte – an die Merkmalbildung bei den großen Menschenaffen (vor kurzem erst hatte man den Gorilla entdeckt) zu gemahnen schien.

Diese Knochen waren es, die Fuhlrott in jener Sitzung des Naturhistorischen Vereins vorwies. Man war "zwar erstaunt und machte große Augen über das, was man sah, aber man zuckte allseitig die Achseln über das, was man hörte", schrieb Fuhlrott resigniert. Sein Bericht erschien 1859 im Druck. Inzwischen hatte Schaafhausen die Skelettreste (Schädeldecke, Oberarme, Unterarmreste, Oberschenkel, Beckenbruchstück, ein Schlüsselbein und einige Rippenfragmente) genauer untersucht. Sein biologischer Weitblick kommt allein schon dadurch zum Ausdruck, daß er 1853, sechs Jahre vor Darwin, dessen die Abstammungslehre begründendes Werk "Über die Entstehung der Arten" im Jahre 1859 erschien, eine allmähliche Entwicklung der Organismenwelt im Laufe der Erdgeschichte annahm. Schaafhausen sah, daß Fuhlrott mit seinem Hinweis auf die absonderliche Gestaltung der Knochen aus dem Neandertal recht hatte, aber er hielt das eiszeitliche Alter nicht für gesichert. Aus der Gestaltung der Reste schloß er, daß sie "einem höheren Altertum" angehörten als etwa Kelten und Römer.

Heute, wo wir viele Schädel von Neandertalern und auch das Skelett vollständig kennen, hat sich die Richtigkeit des Fuhlrott-Schaaffhausenschen Urteils voll bestätigt. Die Neandertaler bildeten in der Eiszeit – und zwar im Anfang des letzten der vier Haupteisvorstöße – in Mitteleuropa eine an die Klimaverhältnisse des Inlandeisrandes angepaßte Menschengruppe. Der Neandertaler war allerdings nicht der "Urmensch", kein Homo primigenius, wie man einmal gemeint hat. Er ist sogar eine relativ späte Erscheinung unter den verschiedenen Menschenformen, die während der 500 000 Jahre der Eiszeit gelebt haben. Etwa um 40 000 v. d. Ztw. verschwindet er, ohne Nachfahren zu hinterlassen. Die Ursachen seines Erlöschens sind bisher nicht klar durchschaubar, stehen aber im Zusammenhang mit dem plötzlichen Auftreten derjenigen Menschenform, der auch wir angehören, des Homo sapiens.