Im Suezkanal nehmen die Lotsen eine Schlüsselstellung ein. Ohne sie kann der ordnungsgemäße Verkehr nicht aufrechterhalten werden. Schon jetzt hat dieser Verkehr dadurch, daß einige Lotsen nicht von ihrem Urlaub zurückgekehrt sind, Einschränkungen und Verzögerungen erlitten. Für den Fall, daß der Verkehr durch Lotsenmangel zum Stillstand kommen sollte, haben England und Frankreich "Maßnahmen" angekündigt. Englands Außenminister Selwyn Lloyd hat auf der Londoner Suez-Konferenz zwar energisch bestritten, daß seine Regierung auf die Kanallotsen einen Druck ausübe, damit sie ihre Posten verließen. Doch fügte er hinzu, Lotsen seien kein "lebendes Inventar" und könnten nicht wie die übrigen Sachwerte der Kanalgesellschaft "verstaatlicht" werden. Darin liegt zum mindesten keine Aufforderung an die Lotsen, auf ihrem Posten zu bleiben und den Kanalverkehr, dessen Lebensnotwendigkeit für England London immer wieder betont hat, unter allen Umständen aufrechtzuerhalten.

Man muß sich angesichts der fieberhaften militärischen Vorbereitungen in England und Frankreich fragen, ob die Regierungen dieser Länder nicht bereits fest mit einem "Notstand" am Kanal rechnen, auf den dann die militärische Besetzung der Kanalzone ("zur Sicherstellung des Verkehrs und zur Wiederherstellung der Ordnung" wie es, dann heißen wird) die Antwort wäre. Zwar hat der Ausgang der Londoner Suez-Konferenz deutlich gezeigt, daß sämtliche Bundesgenossen Englands und Frankreichs gegen eine gewaltsame Lösung der Suez-Krise sind und daß die eindrucksvolle Mehrheit von 18 Nationen für den Dulles-Plan nur diesem gemäßigten Plan gilt und nicht etwa einem Versuch, diesen Plan den Ägyptern mit Gewalt aufzuzwingen. Aber London und Paris rechnen offenbar damit, daß sich im Fall eines militärischen Konflikts die Mehrzahl der "Dulles-Plan-Nationen" schließlich doch hinter England und Frankreich und nicht hinter Nasser stellen würden.

Mit anderen Worten, die moralische Sanktion, die man für die Drohung mit Gewalt nicht bekommen konnte, hofft man zu erhalten, wenn Gewalt tatsächlich angewandt wird – allerdings nur unter Bedingungen, die einen Appell an die Waffen moralisch gerechtfertigt erscheinen lassen. Solche Bedingungen wären das Erliegen oder eine schwere Störung der Schiffahrt im Kanal. Zu verhindern, daß es dazu kommt, ist der Sinn der von Kairo gestarteten Aktion zur Werbung neuer Lotsen.

Man braucht daher nicht für Nasser – sondern nur gegen einen "Notstand" am Kanal zu sein, um dem Lotsenwerbefeldzug Nassers Erfolg zu wünschen.

Was Deutschland betrifft, so gäbe es schon Lotsen, die für den Dienst am Suezkanal in Frage kämen. Aber was sagen die Lotsen an Elbe, Nordsee, Kiel-Kanal und Ostsee, die so unvermittelt und ganz gegen ihren Willen ins Scheinwerferlicht der Weltpolitik gerückt wurden, selber dazu?

Den Lotsen im Nord-Ostsee-Kanal, die weniger verdienen als ihre in der Seeschiffahrt tätigen Kollegen, kommt die Lotsenhausse infolge der Suez-Krise nicht ungelegen, denn sie stehen zur Zeit in wichtigen Tarifverhandlungen, bei denen es um die Frage geht, wie viele Lotsungen pro Tag im Kanalverkehr als normal angesehen und somit als Grundlage zur Berechnung eines angemessenen Monatsverdienstes (ohne Extraarbeit) verwendet werden können. Die Kanallotsen wollen einen Normalverdienst, der dem Gehalt eines Kapitäns auf großer Fahrt entspricht. Die Wasser- und Schiffahrtsdirektion hält diese Forderung an sich nicht für unbillig, aber sie möchte die normale Dienstleistung, die zu einem solchen Einkommen berechtigt, etwas höher ansetzen als eine Lotsung pro Tag. Tatsächlich sind heute zwei Lotsungen täglich, das heißt eine Hin- und eine Rückfahrt von je etwa drei bis vier Stunden Fahrtzeit (die Wartezeit ist, entsprechend der Verkehrsdichte, sehr verschieden) nahezu die Regel.

Der Mindestverdienst eines Kanallotsen liegt bei etwa 1500,– DM monatlich. Das ist wenig, verglichen mit einem Seelotsen, der in der Regel um 3000,– DM verdient (aber recht viel, verglichen mit den 800 bis 900 Mark Monatsgehalt eines Studienrats). Kaum ein Kanallotse ist jedoch "Mindestverdiener". Die große Mehrzahl verdient heute erheblich mehr als 1500,– DM im Monat.

Dabei muß man freilich berücksichtigen, daß der Bestallung zum Lotsen viele Fahrtenjahre vorausgehen; etwa neun bis zur Erlangung des Patents eines Kapitäns auf großer Fahrt und danach noch weitere sechs Jahre; zu bedenken ist auch,