Endlich einmal ist erreicht worden, was bisher nie glücken wollte: Eine der von uns in den letzten Jahren so freigebig ins Ausland geschickten Ausstellungen kann nicht nur dort, sondern anschließend auch bei uns gezeigt werden. Es klingt unglaubhaft, aber es ist wirklich so: Wir Deutschen haben eine solche lückenlose Übersicht über die Meisterwerke unserer Zeichenkunst, wie sie in sechs großen amerikanischen Städten gezeigt worden ist, bisher noch niemals sehen können. Jetzt wird sie in München vorgeführt (im Haus der Kunst) und soll dann weiterwandern nach Berlin und Hamburg.

Es ist das Beste vom Besten. Peter Halm, der Direktor der Graphischen Sammlungen in Manchen, hat sie, im wesentlichen aus westdeutschem Museumsbestand, mit großem Geschick ausgewählt. Höchst eindrucksvoll erweist es sich, daß wir Deutschen, die wir auf dem Gebiet der bildenden Künste kaum jemals internationales Ansehen errungen haben, es mit dieser einen Gattung, mit Stift und Feder, vollauf zu beanspruchen berechtigt sind. Kaum eine andere Nation wird das in gleichem Maße von sich behaupten können.

A. Wyatt Mayor, der Direktor des graphischen Kabinetts des Metropolitan-Museum in New York, hat in einem Artikel, der leider nicht frei ist von politischem Ressentiment, sehr richtig auf die erstaunliche Tatsache aufmerksam gemacht, daß zwar die bekanntesten Meister das Beste beigetragen haben, daß sie aber gar nicht allzusehr herausragen aus dem durchweg überraschend guten Durchschnitt. Es kann kaum eine höhere Anerkennung geben, und es folgt etwas daraus, was uns alle angeht und was diese Ausstellung über den künstlerischen Bereich hinaus so bedeutsam macht: daß mit dieser relativ kleinen Anzahl hochwertiger Objekte eine Anleitung zur Selbstbesinnung gegeben wird über das Wesen deutscher schöpferischer Kräfte überhaupt.

Trotzdem fragen wir uns gern: Wer sind die Größten? Die Antwort ist nicht schwer: Dürer, Holbein und Menzel. Nun muß leider festgestellt werden, daß von ihnen nur Dürer ausreichend zu Worte kommt in 15 herrlichen Blättern, vom frühen "spätgotischen" Erlanger Selbstbildnis mit der aufgestützten Hand bis zurmonumentalen Studie des heiligen Markus, des Apostelbildes von 1526. Es sind nicht nur alleEntwicklungsperioden vertreten, es gibt kein gleichgültiges Werk. Dagegen ergeben die vier schönen Holbein-Zeichnungen keine zureichende Gesamtvorstellung, zumal nur ein Porträt vertreten ist (das einzige, das sich in deutschem Museumsbesitz befindet!). Ob nicht ausnahmsweise ausländischer Besitz (Basel oder in diesem besonderen Fall Windsor) hätte herangezogen werden sollen, da eine solche Ausstellungsgelegenheit so leicht nicht wiederkommt? Ein gewisser Ersatz sind die fünf meisterhaften kleinen Bildnisse des älteren Holbein, die es so überzeugend dartun, wie diese besondere Seite der Begabung vom Vater ererbt ist. Auch vier Menzels, obgleich schönste Beispiele, sind zu wenig. Sollte es an Mut gefehlt haben, ihn, der uns zeitlich noch so nahe steht, unter die Sterne allererster Ordnung zu versetzen? Als Zeichner verdiente er es bestimmt. Immer stellt er sich die Aufgabe so schwierig wie möglich, und glückt es, sie zu bewältigen, so erhöht dies fühlbare Ringen die Strahlungskraft.

Man betritt die Ausstellung im Raum mit den jüngsten Beispielen, und es hat seinen Reiz, sie vom Blickpunkt der Gegenwart her, sozusagen rückläufig, zu durchwandern. Freilich müssen wir anmerken, daß für die Spätzeit des 19. Jahrhunderts die auswählende Hand nicht ganz die gleiche Sicherheit zeigt wie bei den früheren Epochen. Die beiden Blätter von Ludwig Richter vertreten die Spätromantik allzu konventionell. Hans von Marrees könnte reicher, Corinth noch bedeutender hervortreten. Fritz von Uhde, kein großer Zeichner, hätte fehlen dürfen. Um so stärker frappiert im nächsten Raum die deutsche Frühromantik als einer der ganz großen Höhepunkte deutscher Zeichenkunst. Hier wird die Eindringlichkeit der Wirkung durch die Sparsamkeit der Auswahl bei höchster Qualität erhöht. Nur ein Caspar David Friedrich, nur zwei Runges – aber welche Meisterwerke! Ob man es freilich bei nur zwei Proben im Auslande bemerkt haben wird, daß Schnorr von Carolsfeld als das deutsche Gegenstück zum international so viel berühmteren Ingres getrost angesprochen werden darf?

Das 18. Jahrhundert ist internationaler bestimmt, aber hier beginnen auch für uns die Überraschungen. Wer kennt die mit zarten Aquarelltönen angetuschten Landschaftszeichnungen des Schlesiers Christoph Nathe? Sie wirken nahezu zeitlos. Wer hielte es für möglich, daß die in ihren Ölbildern oft so fatal süßliche Angelica Kaufmann eine so strenge und ausdrucksstarke Bildnisstudie wie die der Frau mit der Spitzenhaube hat zeichnen können? Daneben die großen Dekorateure und Architekten, alle überstrahlend Cosmas Damian Asam und Ignatz Günther, Bayerns Großmeister des Barock. Wohltuend, weit die Fähigkeit ausweisend, sich praktischem Gebrauch zu fügen, tritt der für die deutsche Zeichenkunst so charakteristische Zug zum Ornamentalen hervor, der angelegt zu sein scheint in unserer Natur, die Wirkliches und Unwirkliches zu verbinden liebt. Das 17. Jahrhundert dagegen ist bei uns eine dürre Zeit. Nur Adam Elsheimer ragt noch in sein erstes Jahrzehnt hinein, und es ist immer neu überraschend, wie dieser als Maler so subtile Kleinmeister mit seinen großgesehenen Pinselzeichnungen "in einem suggestiven Rhythmus von Helligkeiten und Dunkelheiten" Wirkungen Rembrandts vorausnimmt.

Mit Recht ist die Dürer-Zeit am reichlichsten vertreten, auf ihre Leistungen gründet sich der Weltruf deutscher Zeichenkunst. Von Schongauer, der schon 1491 stirbt – Dürer trifft ihn nicht mehr am Leben, als er den Hochverehrten besuchen will – bis zu den genialen Schweizern (Tobias Stimmer lebt noch bis 1584) gibt es einen so dichten Wuchs von Meisterpersönlichkeiten ausgeprägter Eigenart, daß sogar Dürer unter ihnen zwar als der Beste, keineswegs aber als Sonderfall erscheint. Hans Baidung und Lucas Cranach kommen ihm im Bildnis fast gleich. Albrecht Altdorfer und Wolf Huber, die bayrischen Dioskuren der sogenannten Donau-Schule (der derbere letzte wohl ein wenig überschätzt) exzellieren vor allem in Landschaften von märchenhafter Farbenpracht und romantischem Stimmungsklang.

Fraglich mag es erscheinen, ob es dem einheitlichen Gesamtbild der Ausstellung zugute gekommen ist, daß in München (im Gegensatz zur Vorführung in den USA) als präludierendes Kapitel noch ausgewählte Beispiele der gezeichneten frühen Buchillustration hinzugefügt worden sind. Köstliche Proben, aber es wird damit ein neues Buch der Kunstgeschichte aufgeschlagen und man fühlt sich ins Unabgeschlossen-Uferlose geführt. Zwei Bücherallerdings sind nicht nur von so hohem künstlerischen Wert, sondern auch so außerordentlich bezeichnend für zwei extreme Möglichkeiten deutschen zeichnerischen Ausdrucksvermögens, daß wir wünschen möchten, sie könnten auch den Ausstellungen in Berlin und Hamburgerhalten bleiben. Es handelt sich um das sogenannte "Hausbuch" (aus fürstlich Waldburg-Wolffeggschen Besitz und noch niemals außerhalb dieser Sammlung öffentlich gezeigt) und um das Gebetbuch Kaiser Maximilians mit den berühmten Randzeichnungen Dürers, Cranachs und anderer Meister ihrer Zeit (und zwar um beide erhaltenen Teile, aus der bayrischen Staatsbibliothek und aus der Bibliotheque Municipale in Besançon, die noch niemals vereinigt vorgeführt werden konnten). Der "Hausbuchmeister", tätig vor allem am Mittelrhein im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts, gibt mit seinen derb-lebendigen Zeichnungen einen unvergleichlichen Einblick in das Alltagsleben von Adel und Bürgertum. Er ist "der urwüchsigste Realist und originellste Erzähler seiner Zeit". Die Randzeichnungen zum kaiserlichen Gebetbuch dagegen, 1513 bis 1515 entstanden, nur lose und nicht immer leicht erschließbar auf den Text bezogen, gehören zu den phantasievollsten Leistungen deutscher Kunst, gewiß auch sie erzählend, das Erzählte jedoch zu schmuckhafter Grazilität erhebend, geistvolle Randglossen aus einer christlich-mythologischen Märchenwelt, vielfach durchwoben von ornamentalem Rankenwerk von hoher kalligraphischer Schönheit. Allein am "Hausbuch" und am "Gebetbuch" ließe sich die ganze fruchtbare Spannweite deutscher Zeichenkunst überzeugend demonstrieren. Carl Georg Heise