Wer noch vor etwa zwei Jahrzehnten prophezeit hätte, daß die Chirurgie bei der Behandlung von Herzkrankheiten eine entscheidende Rolle spielen würde, wäre als ein Phantast belächelt worden. So sehr schien jenes Organ, das in jeder Sekunde des Menschenlebens in Tätigkeit ist, die Domäne der inneren Medizin zu sein. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges aber begann dann der Vorstoß der chirurgischen Behandlungsmethoden von Herzkrankheiten. Zunächst waren es die angeborenen Mißbildungen an den großen Blutgefäßen des Herzens, die durch eine Operation beseitigt werden konnten. Die Zahl derartiger Eingriffe blieb jedoch gering, da solche Mißbildungen relativ selten sind. 1948 drangen die amerikanischen Ärzte Houck und Baily zum ersten Male operativ in den Herzinnenraum vor. Sie beseitigten am lebenden Menschen Verengungen der Herzklappen. Mit Hilfe einer solchen Operation wurde die durch den Klappenfehler schwer gestörte Herzarbeit wieder normalisiert. In der weiteren Entwicklung der Herzchirurgie wurden schließlich schwierigste Operationsmethoden an den Blutgefäßen des Herzens und den Herzinnenwänden gefunden.

Aber alle diese Eingriffe blieben nur einigen Spezialkliniken vorbehalten, an denen die wenigen solcher Operation bedürftigen Patienten gesammelt wurden. Außerdem waren solche Eingriffe am schlagenden Herzen mit einem so großen Aufwand an Material und eingearbeitetem Personal verbunden, erforderten soviel Erfahrung, daß der Kreis der Operateure und Kliniken beschränkt bleiben mußte. Diese Operationen waren von der Technik her gesehen kühn und außerordentlich schwierig.

Jetzt allerdings – so scheint es wenigstens nach den Vorträgen berühmter Ärzte auf dem letzten internationalen Kongreß für Herz- und Lungenkrankheiten in Köln – wird die Chirurgie bei der Bekämpfung des Herzinfarkts beteiligt sein, im Verlauf der gefürchteten Zivilisationskrankheit, die unter dem Namen Managerkrankheit bekannt ist. Das geschieht mit einem Eingriff, der – wenigstens was die Methode und das Handwerkliche anbetrifft – relativ einfach ist. Von einem Schnitt über der linken Brustseite aus wird unter Opferung einer Rippe das Herz freigelegt. Dann wird der Herzbeutel, in den das Herz eingehüllt ist, geöffnet. An einer genau festgelegten Steile werden Herzbeutel und der entsprechende Anteil des Herzmuskels "angefrischt", das heißt, mit einem scharfen Instrument abgeschabt, bis es sowohl aus dem Gewebe des Herzbeutels als auch aus dem Herzmuskel selbst blutet. Dann werden 0,3 Gramm steriles Asbest auf die vorher präparierte Herzoberfläche aufgetragen und anschließend der Herzbeutel und die Wunde verschlossen.

Art und Größe des Eingriffs überschreiten nicht die Möglichkeiten einer mittleren chirurgischen Abteilung. Sie bieten einem geübten Chirurgen sicher keine Schwierigkeiten.

Inauguriert wurde diese Operation, die der Verhinderung des Herzinfarkts als der gefürchteten Komplikation der Managerkrankheit gilt, von Professor Dr. Beck, Cleveland. Vor ihm hatten schon viele andere Ärzte (Vinneberg, Derra, Bolton, Likoff, Baily) ähnliche Eingriffe ausgeführt. Bei der Operation nach Beck wird zur Heilung etwas mobilisiert, was gerade die Chirurgen bis dahin am meisten fürchteten: die Entzündung. Freilich eine Entzündung ohne Einfluß von Bakterien, alleine hervorgerufen durch den Reiz, den das sterile Asbest auf den angefrischten Herzmuskel und den Herzbeutel ausübt.

Entzündungen, das wußten schon die alten Ärzte, sind Abwehrreaktionen des Körpers gegen Schädlichkeiten aller Art. Entzündliches Gewebe ist immer stark mit Blut angefüllt. In einem entzündlichen Bezirk findet man unter dem Mikroskop eine Erweiterung der vorhandenen Blutgefäße und eine Anhäufung von sich neu bildenden kleinen Blutgefäßen. Diese große Blutfülle beim Entzündungsvorgang gerade bei der sogenannten Managerkrankheit, der Krankheit also, bei der es durch Verminderung der Herzdurchblutung zu Herzangst, Luftknappheit, Herzklopfen und Herzschmerzen kommt, zu Heilzwecken einzusetzen, hatten sich schon die Operateure vor Beck bemüht, Sie nahmen gut durchblutetes Lungengewebe oder Teile eines Bauchfellappens und lagerten es an das Herz. Diese Verfahren blieben aber durchweg unbefriedigend, weil das angelagerte Gewebe zu schnell am Herzen verklebte und die Entzündungsreaktion am Herzen infolgedessen zu schwach war.

In mühevoller experimenteller Forschungsarbeit – es handelt sich immerhin bei dem Asbest um einen Fremdkörper – schufen Beck und seine Mitarbeiter die Voraussetzungen für den Erfolg der neuen Operation. Sie stellten fest, daß bei der Managerkrankheit, in der Fachsprache angina pectoris genannt, immer nur kleine Gebiete des Herzmuskels schlecht durchblutet sind, während der Rest des Herzens noch reichlich mit Blut versörgt wird. Dadurch entsteht eine unterschiedliche Arbeitsintensivität des Herzmuskels. Die gut durchbluteten Muskelanteile arbeiten kräftig, die notleidenden Teile machen nur recht müde die Herzarbeit mit. Da bei der Tätigkeit des Herzmuskels genauso wie bei allen anderen Muskeln kleine elektrische Ströme entstehen, die von der Art der Tätigkeit abhängen, ergeben sich Potentialdifferenzen zwischen den einzelnen Abschnitten des erkrankten Herzens. Diese Potentialdifferenzen sind sehr gefährlich, da sie durch Beeinflussung der nervösen Elemente des Herzens zum Herzflimmern führen können. Auf diese Weise kommt in vielen Fällen der akute Herztod zustande. Die unregelmäßige Verteilung des Blutes im Herzmuskel ist also zu fürchten.