Von Herbert Eisenreich

Der Klappentext bemüht kein geringeres Werk als Tolstoi Meisternovelle "Der Gott des Iwan [Ijitsch", um

Gabrielle Roy: "Gott geht weiter als wir Menschen", Roman. Aus dem Französischen von Theodor Rocholl. Paul List Verlag, München. 277 S., 12,80 DM,

thematisch und ideell einzuordnen. Der Titel klingt wie eine Warnung vor dem Buch. Und ein Photo zeigt uns die junge, etwas zu stark geschminkte Autorin in einer nicht gerade glücklich gewählten Pose.

Voll von Vorurteilen beginnt man also die Lektüre – und merkt nach wenigen Seiten schon, daß man diese Vorurteile durch ein sehr positives Urteil wird korrigieren müssen. Denn das lächerlichkleine Alltagsschicksal dieses lächerlich-kleinen Alltagsmenschen, von dem uns da erzählt, wird, geht uns alle ganz unmittelbar an. Jeder von uns könnte dieser Herr Alexander Chenevert sein, sei er nun tatsächlich auch Kassierer in einer Bank, oder sei er Werkmeister, Sektionsrat oder Vertreter. Dieser hier ist Kassierer in einer Bank, etwas über fünfzig, verheiratet, kränklich, ein ganz und gar durchschnittlicher Mensch, in seinen guten wie in seinen schlechten Eigenschaften; alles andere als ein "Held", wie man ihn sonst aus den Romanen kennt. Er tut treu und pünktlich seine Pflicht, und auf die durchschnittliche Weise – durch Presse, Rundfunk und Reklame – nimmt er teil am Leben der Allgemeinheit. Er hat nur vielleicht ein bißchen zu viel Phantasie (wie sehr viele von uns, Gott sei Dank!): ihn erregt und bewegt nicht allein sein privates Wohlergehen, sondern er fühlt sich abhängig von dem Schicksal der großen Welt. Doch ist seine Phantasie nicht groß genug (wie bei sehr vielen von uns, leider!), um dem Ansturm des millionenfachen Leids gewachsen zu sein. Er klammert sich an die Hoffnung, das Leben werde zunehmend sicherer; und das, ja das ist das große Schlagwort nicht nur dieses Herrn Alexander Chenevert, sondern unseres ganzen "Zeitalters der Angst": Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit ... Das naturgemäß kleine Bewußtsein kapituliert vor der Fülle dessen, was dank der modernen Nachrichtenapparatur Einlaß begehrt und verarbeitet sein will. Kurzum: vor lauter Bedachtnahme auf die Sicherung der Zukunft geht das Glück der Gegenwart verloren.

Für Herrn Chenevert rächt sich das durch allerlei Kränklichkeit: der Magen rebelliert gegen diese und jene Speise, erst gegen Morgen schläft er ein, Schwindelanfälle plagen ihn untertags, er fühlt sich todmüde, hält sich nur mehr mit Hilfe von Stimulantien aufrecht hinter seinem Kassenschalter ... wäre das Wort nicht so abgebraucht, möchte man sagen, er leide an der Managerkrankheit. Der endlich konsultierte Arzt empfiehlt ihm vorerst auch weiter nichts als Ausspannen, Ruhe, andres Milieu, die Sorgen vergessen und so weiter ...

Alexander Chenevert befolgt den Rat. Für einige Wochen mietet er ein Blockhaus, eine knappe Tagesreise weit weg; er flüchtet – wie der Held bei Ernst Wiechert – aus dem "Geschwätz" der Millionenstadt in das "einfache Leben"; und für eine kurze Weile ist er gesund und glücklich. Aber es gibt kein "Zurück zur Natur", nur wieder das Zurück in die Stadt, in den Beruf, in die Angst- und Sorgenwelt; und zurück in Krankheit und Leid, in die unbewältigten Probleme, in die unbeantworteten Fragen. Keine zwei Jahre mehr schleppt sich Alexander Chenevert durch dieses irdische Jammertal, dann wirft es ihn endgültig nieder. Er stirbt.