Die ungünstige Witterung der letzten Wochen oder eigentlich schon Monate hat in großen Teilen des Bundesgebiets, vor allem in den nördlichen Landesteilen, zu erheblichen Ernteverzögerungen und -schäden geführt. Sie betreffen zunächst das Getreide; gewisse Ausfälle sind aber auch bei Kartoffeln (durch Schorfbefall) und Zuckerrüben (geringer Zuckergehalt) zu gewärtigen – vom Ergebnis der Traubenlese ganz zu schweigen! Wir veröffentlichen hierzu einen Beitrag des – aus seiner Fernsehsendereihe "Wege übers Land" – während der letzten Jahre einem immer größeren Publikum bekanntgewordenen Autors Christian Diederich Hahn.

In diesen Tagen fällt eine Wirtschaftsentscheidung, die in ihren Folgewirkungen allgemein bisher kaum erkannt und wohl auch noch gar nicht vollständig zu übersehen ist: die deutsche Getreideernte ist notleidend geworden; damit stehen Milliardenwerte in Gefahr. Das wird deutlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß der Feldanbau unserer Landwirtschaft wertmäßig etwa der westdeutschen Kohlenförderung entspricht. Damit geraten viele der zwei Millionen landwirtschaftlichen Betriebe in ernste Subsistenzsorgen.

Ein Beispiel dafür nach der Betriebsrechnung eines 50 Hektar großen Hofes, also eines durchschnittlichen mittel- bis großbäuerliche Betriebs in Nordwestdeutschland oder etwa in Niederbayern:

Von den 50 Hektar dürften 20 mit Getreide bestellt sein. Daraus ist normaliter eine Durchschnittsernte von 50 t (25 dz je ha, je t 3800 DM) zu erwarten, also eine mit allen Produktionskosten belastete Roheinnahme von knapp 200 000 DM. Durch das bisherige Erntewetter ist dieser Wirtschaftswert in höchste Gefahr geraten. Bei einem einigermaßen normalen Witterungsverlauf müßte etwa die Hälfte dieses Roheinnahmewertes an Getreide schon geborgen sein, und die andere Hälfte sollte eigentlich unmittelbar vor der Sicherung stehen. Die wirtschaftliche Wirklichkeit sieht aber so aus, daß vielfach kaum 10 v. H. der Getreideernte geborgen sind, nämlich nicht viel mehr als die Wintergerste, die (nächst dem Raps) die erste Ernte gibt. Der Rest steht entweder in Hocken, aus denen die Ähren schon auswachsen, und ist qualitativ und mengenmäßig entscheidend gemindert – oder aber das Korn steht noch auf dem Halm und wächst schon auf dem Halm aus.

Angenommen, das Wetter würde kurzfristig so gut, daß es mit aller arbeitstechnischen Anspannung noch gelingt, die Ernte wenigstens in dem jetzigen Schadenszustand zu bergen: dann bestünde z. B. die Möglichkeit der künstlichen Nachtrocknung, um "zu retten, was zu retten ist". Eine Tonne Getreide zu trocknen kostet, je nach Feuchtigkeitsgehalt und Möglichkeit der Beschaffung in- oder ausländischer Kohle, zwischen 15 und 60 DM. Das sind für unseren Beispielshof allein auf diesem Konto zusätzlich Kosten zwischen 750 und 3000 DM, die bereits zu einer Unrentabilität des Betriebs führen können.

Aber werden wir plötzlich gutes Erntewetter haben? Nach dem wahrscheinlichen Witterungsablauf des herbstlich gewordenen Jahres steht es nicht zu erwarten; damit besteht die Besorgnis noch sehr viel größerer Verluste. Holland meldete bisher aus seinem kleinen Getreideanbaugebiet rd. 250 Mill. DM Verlust durch Wetterfolgen – meist vor der Ernte. Die Verluste im Bundesgebiet dürften bereits – bisher – weit über einer Millarde liegen. Das geht auch den Handel, die Banken und Sparkassen und die Industrie an, für die alle die Landwirtschaft ein zuverlässiger "Grundlagenkunde" des Gesamtgeschäfts ist.

In früheren Zeiten, als die Größenordnungen der gesamten Volkswirtschaft, einschließlich der Landwirtschaft, noch für jeden Gebildeten deutlicher waren als heute, hätte jeder Haushaltungsvorstand in Stadt und Land eingeplant: bis zur nächsten Ernte werden wir vor einem knappen und teuren Jahr stehen; wir müssen den Riemen enger schnallen. Es wären alle Lebensbedürfnisse im Interesse der Ernährungssicherung zurückgeschraubt worden, angesichts dieses Schicksalsschlages durch ein Naturgeschehen, das jeden mitbetraf – und eben nicht nur in seinen Wochenend- und Urlaubserwartungen ... Halten wir alle heute es aber nicht für selbstverständlich, daß im Zusammenspiel der westlichen Welt ein Ausgleich durch Importe geschaffen werden kann? Nach der landläufigen Meinung sind solche Naturkatastrophen gewissermaßen zu "Privatangelegenheiten" der Landwirtschaft geworden... Wir vergessen: wenn wir so gut leben können, wie wir es seit einigen Jahren gewohnt sind, so beruht dies zu einem recht entscheidenden Teile auch auf der Gunst des Schicksals, dank der wir sieben Jahre hindurch (abgesehen von dem nassen Sommer 1954) immer "gut Wetter" hatten – mit möglich werdenden Höchstleistungen unserer Landwirtschaft. Das hat dazu verholfen, daß wir jetzt rd. 10 000 Mähdrescher (mit einem Anschaffungswert über 100 Mill. DM) und 500 000 Schlepper zur Verfügung haben, um durch Leistungskonzentrationen noch Milderungen des gefährlichen Schadens zu erarbeiten. Freilich: besinnliche Leute auf dem Lande verweisen jetzt, und gewiß nicht zu Unrecht, auf die biblische Bekundung von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren, die nur kluge Haushalter zu überstehen pflegen...