Von Waldemar Ringleb

Es kann nicht deutlich genug gesagt werden, daß ein hoher Zinssatz nicht genügt, um neue Kapitalquellen anzuschlagen. Wie die Dinge liegen, ist kaum jemand in Deutschland bereit, seine persönlichen Bedürfnisse zurückzustellen, um die Chancen zu nutzen, die sich mit den neuen achtprozentigen Industrieobligationen bieten. Wenigstens wurde noch nicht davon berichtet, daß weniger Automobile verkauft würden, daß das Publikum den Erholungsorten ferngeblieben sei, oder daß etwa gar die Möbel- und Teppichfabrikanten über ein Nachlassen des Geschäfts klagten ...

Irgendeinen Einfluß auf die Konsumgüterwirtschaft haben jedenfalls die jetzt gebotenen hohen Zinssätze bisher nicht gehabt. Auch ist die Spartätigkeit der Bevölkerung, die schließlich dem Kauf von Rentenpapieren vorangehen müßte, nicht besser geworden. Das Gegenteil ist eher der Fall. Trotz erhöhter Einkommen liegen seit Monaten die Einzahlungsüberschüsse auf den Sparkonten erheblich unter den Ergebnissen des Vorjahres. Die letzte halbmonatliche Bankenstatistik weist sogar – was praktisch noch niemals vorgekommen ist – einen Rückgang auf, der vielleicht – weniger durch das Nachlassen der privaten Spartätigkeit bedingt ist, als vielmehr durch die Verringerung von auf Sparkonten vorübergehend angelegten kommunalen Geldern. Man hat weiter auch noch nichts davon gehört, daß irgendein Unternehmen auf die Durchführung von Investitionen im eigenen Betriebe verzichtet hat, weil diese auf Jahre hinaus keinesfalls mit Sicherheit eine achtprozentige Rendite versprechen, so wie dies die neuen Industrieobligationen tun. Neue Mittel haben also diese Wertpapiere nicht an den Kapitalmarkt gebracht. Sie haben aber, bis jetzt jedenfalls, das schmale Rinnsal disponibler langfristiger Mittel an die Stellen des höchsten wirtschaftlichen Effektes gelenkt.

Man kann ohne weiteres unterstellen, daß die Gesellschaften, die als erste derartige achtprozentige Obligationen aufgelegt haben, sehr genau zu rechnen wissen und daß es ihnen nicht leicht gefallen ist, eine solch hohe Zinslast auf sich zu nehmen; auch mag dabei die Überlegung mitgespielt haben, daß bei unserem heutigen Steuersystem hohe Schuldzinsen – allerdings nur, solange Gewinne erwirtschaftet werden – leichter zu tragen sind als etwa gleich hohe Dividenden. Es ist ferner richtig, daß zur Zeit am Kapitalmarkt aufgenommene langfristige Mittel sich billiger stellen als kurzfristige Bankkredite. Das gilt aber nur für den Augenblick. Kurzfristige Bankkredite sind nur so lange teuer, wie die Notenbank eine restriktive Linie verfolgt. Die Verhältnisse am Geldmarkt ändern sich schnell, Verträge müssen jedoch getreu erfüllt werden. Wer aber vermag die Wirtschaftskonjunktur auf fünf Jahre vorauszusehen und zu beurteilen, ob die jetzt vereinbarten Konditionen auch noch in einiger Zeit günstig sein, oder ob sie sich nicht bald als eine schwere, nicht abwälzbare Last erweisen werden?

Wenn große verantwortungsbewußt geleitete Unternehmen sich (trotz solcher jedem Finanzdisponenten geläufiger Überlegungen) dazu entschlossen haben, harte Anleihebedingungen einzugehen, dann erfolgte dies sicher nur, weil man die Rationalisierungserfolge neuer Investitionen, aber auch die innere Dynamik des eigenen Wirtschaftszweiges hoch einschätzt. Solange derartige Überlegungen angestellt werden, ist gegen hohe Zinssätze nichts einzuwenden; sie führen nämlich dann zu einer scharfen und damit gesunden Kreditselektion. Leider aber finden wir in der Wirtschaft – vor allem auch auf dem Gebiete der Finanzierung – neben der eigenverantwortlichen unternehmerischen Überlegung auch das kritiklose Nachahmen des Mitläufers, der lediglich nach Rezept und Vorbild arbeitet. Hierin aber liegt eine erhebliche Gefahr. Fast jeden Tag berichtet jetzt die Wirtschaftspresse von neuen Anleihevorhaben. Wer soll all die vielen Anleihen zeichnen? Bisher wurden sie zu einem guten Teil von Ausländern erworben, die über Libkamark verfügten. Diese bildet sich – wenn auch nur in beschränktem Umfange – aus Wiedergutmachungszahlungen und Vermögenserträgnissen immer wieder aufs neue. Hier ist tatsächlich eine Kapitalquelle, die durch die achtprozentigen Obligationen für die Industrie erschlossen wurde, vor allem auch dadurch, daß diese ihre Konditionen auf die Bedürfnisse des Auslandes einstellte. Es wurde berücksichtigt, daß es für den Ausländer keine Sachwertüberlegungen gibt, weil für ihn die Deutsche Mark eine der festesten Währungen der Welt ist.

Ob das Ausland allerdings weiterhin so zeichnungsfreudig wie bisher sein wird, wenn erst international weniger bekannte Unternehmen an den Kapitalmarkt herantreten und wenn vor allem die Nachfrage einen solchen Umfang annimmt, da? der Reiz der einmaligen Chance wegfällt, ist keineswegs sicher; auch ist der Bestand an Libkamari sehr schnell verbraucht. Nimmt aber der Anteil des Auslandes an den Zeichnungen ab, dann wird die Situation bedenklich. Dann führen die achtprozentigen Obligationen – was man ihnen heute sehen vorwirft – nur noch zu Kapitalumlagerungen innerhalb der deutschen Wirtschaft. Es werden Aktien und weniger hochverzinsliche Pfandbrief; verkauft, um die Mittel für den Erwerb dieser Obligationen in die Hand zu bekommen. Das hat dann einen Druck auf den Kapitalmarkt zur Folge, der alle Bemühungen, ihn zu festigen, illusorisch macht. Vor allem wird dann auch fraglich, ob die Rechnung der Emissionsbanken noch aufgeht, den Kapitalsammelstellen (so vor allem den Lebensversicherungsanstalten) ein Anlagepapier zu bieten, das die Konkurrenz mit Schuldscheindarlehen aufzunehmen vermag.

Sicherlich haben Industrieobligationen eine höhere Liquidität als Schuldscheindarlehen. Sie bietet, also, wenn sie annähernd gleiche Zinsen bringen, einen gewissen Anreiz für Kapitalsammelstellen. Das Liquiditätsbestreben der Kapitalsammelstellen sollte aber auch nicht überschätzt werden. Sie kennen sehr genau die Fälligkeiten ihrer Verpflichtungen und können daher auch die Lauffristen der Schuldscheindarlehen diesen gut anpassen. Unerwartete Anforderungen und Versicherungsleistungen aber werden heute wieder weitgehend durch Rückversicherungen abgedeckt. Es verbleibt also nur das allgemeine Konjunkturrisiko.