Die Börsenbesucher empfanden es als ein positives Zeichen, als die Aktienkurse im Verlaufe der vergangenen Woche trotz des recht kleinen Geschäfts nur noch geringfügig abbröckelten, an manchen Tagen sogar leicht befestigt waren. Tatsächlich wird mit dieser Tendenz der Beweis erbracht, daß nur geringfügige Mittel zur Zeichnung der neuen 8prozentigen Anleihen über den Verkauf von Aktien beschafft wurden. Durch Abstoßen festverzinslicher Werte lassen sich die beträchtlichen Anleihesummen ebenfalls nicht aufbringen, weil die Pfandbriefinstitute täglich nur begrenzte Rückflüsse aufnehmen und die Umsätze in öffentlichen Anleihen geringer geworden sind. Dagegen deutet der hohe Kurs der liberalisierten Kapitalmark auf das Ausländerinteresse an diesen Obligationen; außerdem berichten die Banken von einem immer noch inhaltenden Interesse der Privatkundschaft an den hochverzinslichen Stücken. Als Hauptzeichner treten nach wie vor die Versicherungen auf.

Die meisten Standardpapiere des Aktienmarktes haben sich in den letzten Tagen nur wenig bewegt. Aus dem Rahmen fielen Siemens, die nach der HV von 242 auf 237 zurückgenommen wurden und auf dieser Basis auch nur durch Stützungskäufegehalten werden konnten. Anlaß dieser Bewegung: für das laufende Geschäftsjahr sollen wieder nur 9 v. H. Dividende gezahlt werden. In Börsenkreisen hatte man auf 10 v. H. gehofft. Die Pessimisten sehen in Siemens keinen Einzelfall, Sandern befürchten, daß dieses Beispiel bei anderen Gesellschaften Schule machen könnte. Obgleich es noch recht früh ist, werden schon Überlegungen über die Dividenden des Jahres 1956 angestellt. Dabei stehen noch Abschlüsse namhafter Gesellschaften für 1955 aus. Das ist bedauerlich, denn es gibt kaum einen stichhaltigen Grund, der sich für eine Bilanzverschleppung heute noch anführen ließe.

Die Bezugsrechtnotierung von Thyssen ging nicht so glatt, wie es erwartet worden war. Die Tatsache, daß es sich hier um eine Gesellschaft handelt, die bislang "ohne ihre Aktionäre" gelebt hat, also keine Dividende zahlte, hat manchen bewogen, das Bezugsrecht zu realisieren. Dadurch stellte sich der Bezugsrecht-Kurs am letzten Tag mit 15 1/4 unter der rechnerischen Parität. Wer Interesse hatte, seinen Besitz billig zu vergrößern, konnte also zum Zuge kommen. Auch die Aktien wurden um 5 bis 6 Punkte zurückgenommen. – Das Kaufhof-Bezugsrecht erreichte mit 24 1/4 v. H. trotz des um mehrere Punkte zurückgenommenen Aktienkurses ebenfalls nicht die Parität. Die in den Börsensälen diskutierte Begebung einer 8prozentigen Anleihe hat die Kaufhof-Verwaltung insofern dementiert, als sie solche Pläne als nicht akut bezeichnete. Arg verstimmt hat übrigens die Anleihe bei der Feldmühle, die am Wochenende aufgelegt wurde und schon bald danach überzeichnet war. Der Feldmühle-Aktienkurs fiel von 364 auf 320 ab. Hierin drückt sich die Enttäuschung der freien Aktionäre aus, die seit langem auf ein wertvolles Bezugsrecht gehofft hatten, das nun in weite Ferne gerückt scheint. Feldmühle zahlte eine Dividende von 10 v. H. die Kurshöhe liegt in den festgefügten Mehrheitsverhältnissen begründet, die den freien Aktionären nur einen geringen Spielraum geben.

Der Cassella-Kurs ging zur Abwechslung wieder einmal kräftig nach unten (295–267 v. H.). Die Aufkäufer dürften mit ihrem Wechsel in Kauf und Zurückhaltung einigen Erfolg haben, der wohl erst dann vollständig sein wird, wenn Cassella in eine GmbH umgewandelt werden kann oder – wie im Falle der Chemischen Werke Hüls – sich keine Aktien mehr in freiem Verkehr befinden. Auf der Verliererseite stand in der vergangenen Woche auch BMW (Arbeiterentlassungen). Der Kurs fiel auf 137 (150). Man ließ zwar durchsickern, daß BMW im Rüstungsprogrammberücksichtigt wird, doch vergaßen die Aktionäre nicht, daß sie bislang ohne Dividende geblieben sind; Daimler konnten sich um etwa 15 Punkte auf 330 erholen.

Mehr als die üblichen Schwankungen wiesen wieder die beiden Commerzbank-Nachfolger Commerz- u. Disc. und Commerz u. Cr. auf. Im übrigen standen die Bankaktien im Hintergrund. Aufmerksamkeit erregten dagegen die Schiffahrtswerte, wo Hapag um 11 Punkte auf 85 anzogen, Die Girostücke kamen am Wochenschluß auf 75 1/2. Für diese Marge, die nichtgerechtfertigt ist, läßt sich nur der breitere Markt der Giro-Stücke verantwortlich machen. Die Gründe der Aufwärtsbewegung blieben im Dunkeln. Nordd. Lloyd wurden nur bis 54 (52 3/4) mitgezogen. Im allgemeinen erwartet man von der Hapag ein besseresendgültiges Umstellungsverhältnis als von der Bremer Reederei. Am Markt der Verkehrswerte fielen weiterhin AG für Verkehr auf, die sich um neue 12 Punkte auf 157 heraufarbeiteten. Zuverlässige Nachrichten über die Dividendenhöhe lagen bis zum Wochenende nicht vor. Eine publizitätsfreudigere Verwaltung hätte allerdings zu der ungewöhnlichen Bewegung frühzeitig eine Erklärung abgegeben. – n d t