Wie bereits im Februar angekündigt, hat sich die Londoner Tageszeitung Daily Express (Auflage über vier Millionen) Informationen und Bildmaterial von den Haute-Couture-Kollektionen auf ihre eigene Weise, und das heißt doch wohl durch Indiskretionen aus den Modehäusern, verschafft und unbekümmert um alle Verbote Modeberichte nebst einem halben Dutzend illustrierender Zeichnungen am Morgen nach der Dior- und Fath-Premiere veröffentlicht.

Nach der Meinung des Daily Express geht der Verband der Haute Couture mit der zwangsmäßigen Sperrfrist von vier Wochen zu weit, und um sich von Komplikationen und persönlichen Verpflichtungen loszulösen, haben die Pressevertreter des Daily Express keine Einladungen von Häusern, die eine Sperrfrist fordern, angenommen. Am 27. Juli gab der Daily Express neben der illustrierten Dior-Reportage bekannt:

"Warum wir uns weigern, auf den News zu sitzen und abzuwarten: Der Daily Express druckt die detaillierten Skizzen der gestrigen Dior-Premiere schon heute, obgleich die Pariser Modeindustrie es den Zeichnern und Photographen, die den Vorführungen beiwohnen, untersagt, ihre Arbeiten vor dem Ablauf der einmonatigen Sperrfrist zu veröffentlichen. Der Daily Express ist der Ansicht, daß dieses Verbot zu weit geht. Aus diesem Grund hat die Zeitung in dieser Saison offizielle Einladungen dort, wo das Verbot eingehalten werden muß, nicht akzeptiert. Der Daily Express ist entschlossen, sich die neuesten Nachrichten (Informationen und Illustrationen) auf eigene Weise zu verschaffen und sie ohne Zeitverlust zu drucken!"

Auf Grund der Veröffentlichung strengten die Chambre Syndicale de la Haute Couture Parisienne, Christian Dior und Jacques Fath durch englische Anwälte ein Verfahren gegen Beaverbrook Newspaper Ltd, gegen Mrs. Joy Matthews (Modeberichterstatterin) und Mr. Andrews Robb (Modezeichner) an. Das Feräl-Gericht in London verbot dem Daily Express durch eine einstweilige Verfügung alle weiteren Veröffentlichungen bis zum 8. August. Aber am Stichtag wurde die Streitsache bis zum Oktober vertagt, unter der Verpflichtung der Beklagten, "weder im Daily Express noch in sonstigen zu ihrem Unternehmen gehörenden Zeitungen über die Pariser Vorführungen, die unter der Kontrolle der Chambre Syndicale während der Modesaison stattfinden, deren Ende der 29. August ist, Berichte und so weiter zu veröffentlichen – außer mit ausdrücklicher Zustimmung der Kläger."

Man hat also noch einige Wochen Zeit, um Mutmaßungen über den Ausgang dieses Probefalles anzustellen, der – welches immer das Resultat auch sein mag – eine prinzipielle Klärung der komplizierten Sachlage mit sich bringen dürfte, und der Presse Richtlinien über ihre Pflichten und Rechte geben wird. In den Kreisen der Fachleute bilden die verschiedenen Möglichkeiten des Prozeßausganges ein vielumstrittenes Gesprächsthema: Manche meinen, daß man Pressevertretern, deren Aufgabe korrekte und ausführliche Berichterstattung ist, nicht zumuten könne, je nach Laune und Vorschrift der Chambre Syndicale und anderer privater Unternehmungen Nachrichten auf Eis zu legen. Die Presse möchte ihre Leser so schnell und so komplett wie möglich über die Modepremieren in Paris informieren. Wenn sie Illustrationen mitveröffentlicht, so kann dies nicht als eine Verletzung des Copyrights, das in Ländern außerhalb Frankreichs für Entwürfe schneiderischer Art nicht besteht, angesehen werden, sondern ist im Gegenteil eine freiwillige unentgeltliche Propaganda für die Pariser Haute Couture.

Eine andere Ansicht geht dahin, daß die Vorschriften der Chambre Syndicale zwar außerhalb Frankreichs keine gesetzliche Geltung haben, daß aber die Weltpresse nach einem "Fair Code of Trading handelt, wenn sie die von dem französischen Fachverband aufgestellten Bestimmungen respektiert. Niemand kann bestreiten, daß der Pariser Couturier in erster Reihe Ideen, nicht Massenware verkauft.

Ein Richter, der diesen Standpunkt einnimmt, könnte beiden Teilen dienlich sein, indem er dem Daily Express mildernde Umstände zubilligt: die veröffentlichten Skizzen vermitteln nur eine vage Vorstellung der von Dior und Fath lancierten Tendenzen, so daß ihr kommerzieller Wert nahezu null ist. Wenn eine solche Auslegung von der Chambre Syndicale und der Haute Couture als annehmbar gefunden würde, so könnte dies vielleicht zu einer Neuorganisierung der Verteilung von autorisierten Tendenzskizzen durch die Häuser selbst zur sofortigen Veröffentlichung führen – eine friedliche Lösung, die den Zeitungen gestatten würde, den trockenen Tatsachenbericht oder den blumigen Wortschwall mit dem Schimmer einer konkreten Vorstellung zu unterbauen.

Katharina Elisabeth Russell