Noch immer wird um die Rückgabe des in den USA während des Krieges beschlagnahmten deutschen Eigentums zäh gerungen, aber obgleich mehr als 11 Jahre seit Einstellung der Feindseligkeiten vergangen sind, konnten sich die amerikanischen Gesetzgeber zu keiner befreienden Lösung durchringen, die dem von ihnen oftmals proklamierten Grundsatz von der Unantastbarkeit des privaten Vermögens Rechnung trägt. Wenn sich auch viele Persönlichkeiten des öffentlichen amerikanischen Lebens für eine große Geste in dieser Frage eingesetzt haben, ist den Gegnern einer Vermögensfreigabe stets eine Verschleppung der Entscheidung gelungen. Bei der Leidenschaftlichkeit der Diskussion ist es nicht verwunderlich, wenn sich auch Argumente einschleichen, die auf offenlichen Irrtümern beruhen und die in der Sache sehr kompliziert und auf Anhieb auch nicht widerlegbar sind. Ein Musterbeispiel ist in dieser Beziehung das Auslandsvermögen des ehemaligen IG-Farben-Konzerns, über das im Zusammenhang mit dem Komplex der General Aniline & Film Corporation (GAF) in einflußreichen amerikanischen Kreisen Vorstellungen bestehen, deren Unrichtigkeit entweder nicht erkannt wird oder nicht erkannt werden soll. Die ausdrückliche Feststellung des IG-Farben-Liquidators, Dr. Walter Schmidt, auf der HV der IG Farbenindustrie AG i. A., daß die Gesellschaft keine Fortsetzung des einstmals mächtigen Chemie-Konzerns darstellt und auch kein gewerbliches Unternehmen mehr ist, sondern nur die Aufgabe hat, das verbliebene tote Restvermögen zu versilbern, um die verbliebenen Schulden zu tilgen sowie die Kapitalausstattungsforderungen der Nachfolgegesellschaften sicherzustellen, wird hoffentlich unter den irrtümlichen Vorstellungen aufgeräumt haben. Inwieweit überhaupt die heutige Liquidationsgesellschaft Anspruch auf Rückgabe der GAF-Aktien hat, läßt sich beim jetzigen Stand der Dinge exakt nicht beantworten.

Diese Untersuchung ist nach den Aussagen von Dr. Schmidt allein schon deshalb schwierig, weil das Aktenmaterial durch die Ereignisse der vergangenen Jahre dezimiert ist. Viele der Sachbearbeiter sind nicht mehr am Leben, so daß die Rekonstruktionsarbeit auf große Schwierigkeiten stößt. Angelpunkt des Problems ist der Interhandel-Komplex, und zwar deshalb, weil Interhandel (früher IG-Chemie, Basel) seit 1928 Inhaberin der IG-Beteiligung an der General Aniline in USA war. Die IG behielt sich beim Übergang der Beteiligung an Interhandel allerdings in einem Optionsrecht den jederzeitigen Rückerwerb vor. Auf dieses Recht hat die IG im Frühjahr 1940, also bevor der Krieg mit den USA ausbrach, verzichtet der bestehende Interessengemeinschaftsvertrag zwischen IG und Interhandel wurde aufgelöst. Obwohl damit die vertraglichen Beziehungen zwischen beiden Gesellschaften aufgehoben waren, hat die amerikanische Regierung den Besitz der Interhandel an GAF-Aktien als Feindvermögen im Jahre 1942 beschlagnahmt und dies damit begründet, daß Interhandel und auch ihre Tochtergesellschaft GAF von IG-Farben kontrolliert werde.

Gegen diese Maßnahme führt Interhandel seit Jahren in den USA einen Prozeß auf Freigabe der GAF-Aktien. Standpunkt der US-Regierung in dieser Auseinandersetzung: Die Auflösung der vertraglichen Beziehungen zwischen IG und Interhandel waren nur Tarnung und daher war die Beschlagnahme rechtens. Nach Lage der Dinge ist die heutige IG-Liquidationsgesellschaft in diesem Rechtsstreit zwar nicht Partei, aber man kann von ihr auch nicht erwarten, daran uninteressiert zu sein.

Ein wichtiges Dokument im Streit um die Beziehungen zwischen der IG und der Interhandel AG stellt der Prüfungsbericht der Schweizerischen Verrechnungsstelle dar, den diese Stelle auf Grund eingehender Aktenprüfung sowohl bei Interhandel als auch beim Bankhaus Sturzenegger (früher Greutert & Co.) angefertigt hat. Ergebnis: Einfluß deutscherseits oder deutsche Ansprüche auf und gegen Interhandel nicht feststellbar. Dieser Bericht war lange Zeit streng geheim. Er ist bekanntgeworden, nachdem sich Interhandel im amerikanischen Freigabeprozeß auf ihn berufen hat. In ihm sind aber auch die sehr komplizierten Beziehungen und die großen Geschäfte erwähnt, die sich zwischen IG-Farben, Interhandel, dem Bankhaus Sturzenegger und einer Anzahl anderer Personen und Firmen abgespielt haben. Im Zusammenhang mit diesen Geschäften wird das Ergebnis des Prüfungsberichts der Verrechnungsstelle von einer maßgebenden Gruppe von Stammaktionären der Interhandel angegriffen, die gegen die Interhandel-Verwaltung opponiert. Die US-Instanzen sind dem Gutachten der Verrechnungsstelle bislang nicht gefolgt.

Die IG-Liquidatoren haben auf der letzten HV den Aktionären versprochen, um die Klärung des Komplexes Interhandel bemüht zu bleiben. Heute läßt sich das Ergebnis noch nicht erkennen. Tatsächlich scheint es noch keineswegs gewiß zu sein, ob eine Klärung überhaupt möglich ist. K. W.