Oh, wie ist mir Mozart innig lieb und verehrungswürdig, daß es ihm nicht möglich war, zu Cosi fan tutte eine Musik zu erfinden, wie die des Figaro", schreibt Richard Wagner. Wenn Serenissimus eine Oper befehlen, weil sie sich über ein – nicht einmal galantes Vorkommnis in der Wiener Hofgesellschaft totgelacht haben, und es nun auch auf dero Bühne sehen möchten, dann kann nach menschlichem Ermessen auch bei Mozart nichts Gescheites herauskommen. Die stetig wachsende Hochschätzung für das Werk in neuerer Zeit beweist indessen, daß trotzdem mehr dabei herausgekommen sein muß als man hundert Jahre lang gedacht hat. Der Grund liegt vielleicht darin, daß wir inzwischen gelernt haben, nicht immer nur ein Bühnenwerk in der Oper zu erblicken, sondern eher das, was sie in erster Linie sein sollte: Musik. Gerade Wagner war derjenige, der uns das gelehrt hat, und zwar mit seinem musikalisch größten Werk, dem Tristan‚ und wenn wir heute diesen Tristan oder Pelleas und Melisande – um noch eine Oper dieses Typus zu nennen – fast am fruchtbarsten mit dem Klavierauszug auf dem Schoß von der Schallplatte her erleben, so deshalb, weil die Musik hier, um es einmal paradox auszudrücken, als Teil bereits mehr bedeutet als das Ganze, dem sie dienen soll. Man kann eine Oper passiv hören – Troubadour oder Carmen zum Beispiel – oder aber man hört sie aktiv; dann zieht man die Musik gleichsam zu sich heran. Dies erleben wir bei Cosi fan tutte, einem auf der Bühne spröden, musikalisch aber ergiebigsten Werke, die Mozart je geschrieben hat:

Mozart: Cosi fan tutte, Schwarzkopf / Merriman / Otto / Simoneau / Penerai / Bruscantini / Philharmonica Orch. und Chor / Herbert von Karajan (Col. 33 CX 1262/64). Requiem, KV 626 / Seefried / Pitzinger / Holm / Borg / Chor der Wiener Staatsoper / Wiener Symphoniker / Eugen Jochum / (DGA 504/505 A; LPM 18 284).

Bei Karajan mag Überlastung oft zu Überhastung führen – hier nimmt er sich Zeit und er gibt jedem Takt, jeder Phrase die Möglichkeit, sich in Ruhe zu entfalten, ohne daß es seiner Interpretation deshalb an Vitalität mangelte. Die subtile, oft rein atmosphärische Komik einzelner Situationen bringt er mit unnachahmlichem Takt und doch mit Nachdruck heraus. Sämtliche Sänger unterstützen ihn hierbei mit der für dieses Werk unerläßlichen gesanglichen Delikatesse. Erstaunliches leistet wieder einmal Elisabeth Schwarzkopf, nicht nurihrer berückenden Stimme wegen, sondern auf Grund einer darstellerischen Vielseitigkeit, für die es keine Grenzen zu geben scheint. Eine andere deutsche Sängerin wirkt noch mit: Lisa Otto, die wir von der Fricsayschen Zauberflöte her noch in bester Erinnerung haben. Möge es dieser ausgezeichneten Künstlerin erspart bleiben, allmählich für allzu grelle Komik abgestempelt zu werden, wozu ihr ausgesprochenes stimmschauspielerisches Können leicht führen könnte. –

Die Deutsche Grammophongesellschaft bietet eine neue Aufführung von Mozarts Requiem, seinem letzten Werk, wenn wir davon absehen wollen, daß es schon vor der Zauberflöte begonnen worden war. Es ist eingebettet in den Gedenkgottesdienst, der, als pietätvoller Auftakt zum Jubiläumsjahr, am Todestag des Meisters, am 5. Dezember des Vorjahres, im Wiener Stephansdom abgehalten worden ist. Diese Aufnahme, die die "Archiv-Produktion" sich ausgedacht hatte, enthält außer dem Text des Requiems in vier Sprachen eine allgemeine Einführung aus dem Mozartbuch von Alfred Einstein und eine zweite, speziellere, von Dr. Eric Werba, dem ausgezeichneten Pianisten und Liedbegleiter. Es spricht für die hohe Qualität der Aufführung, daß sich die Mozartsche Musik wie ein integraler geistlicher Bestandteil in das Pontifikat einfügt. Die Gesellschaft bietet das Werk außerdem noch in einer selbständigen Sonderausgabe, die den lateinischen Text und eine kurze Einführung von Klaus Wagner als Beigabe enthält. Zwei der schönsten Stimmen, die man heute hören kann, Irmgard Seefried und Kim Borg, befinden sich unter den durchweg hervorragenden Solisten, während Eugen Jochums Direktionskunst das Werk zugleich einzuordnen wie auch für sich allein organisch zu gestalten weiß. Chr.