Schon einen Tag nach den westdeutschen Leichtathletik-Meisterschaften, die zugleich als eine Vorprüfung unserer Olympia-Kandidaten durchgeführt wurden, setzten sich in Ostberlin die Vertreter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und der Sektion Leichtathletik der DDR zusammen, um über die Namhaftmachung einer gesamtdeutschen Mannschaft für Melbourne zu diskutieren. Innerhalb von nur sechs Stunden hatte man einmütig die Aufstellung unseres olympischen Aufgebots beschlossen. "So einig wie diesmal waren wir uns noch nie", sagte Dr. Danz, der Vorsitzende des westdeutschen DLV nach der Bekanntgabe des Ostberliner Beschlusses. Am 1. Oktober wird man sich in Westberlin erneut treffen, um dann endgültig diejenigen Männer und Frauen zu bestimmen, die nach Australien reisen werden.

Es erhebt sich nun aber die wichtige Frage, ob wir wirklich insgesamt nur dreißig Leichtathleten zu den Weltkämpfen entsenden sollen, oder ob nicht das Nationale Olympische Komitee eine zahlenmäßig etwas stärkere Vertretung genehmigen sollte, etwa vierzig. Ist nicht der Maßstab in diesem Falle ein wenig gar zu streng, der eine "Endkampfchance" fordert? Müßte man nicht dem einen oder dem anderen Kämpfer dadurch eine gewisse moralische Unterstützung zuteil werden lassen, daß man ihm noch einen Kameraden an die Seite stellt, der ihm bei den Vorkämpfen die schwere Bürde der Verantwortung für sein Land tragen hilft? Auch muß man ja schließlich immer mit Ausfällen durch Krankheit und Verletzungen rechnen. Wollen wir Gefahr laufen, dann keinen Ersatzmann stellen zu können? So sehr wir gegen jeden unnützen Aufwand sind und so wenig wir für die Entsendung von Sportlern plädieren möchten, die kaum Aussieht auf ein Vordringen in die Endrunde haben, so meinen wir doch, daß man bei den Leichtathleten, von denen sich in der letzten Zeit mehrere in die internationale Spitzenklasse hinaufarbeiten konnten, etwas großzügiger sein sollte.

Da die Olympischen Spiele diesmal in Melbourne stattfinden, sind allein die Fahrkosten besonders hoch. Weil nun das Nationale Olympische Komitee (NOK) immer wieder betonte, nicht über genügend Mittel zu verfügen, ist neuerdings erwogen worden, zu einer Olympia-Spende aufzurufen. Nach den immer wieder gemachten Erfahrungen versprechen wir uns von einem solchen Aufruf nicht viel, ganz abgesehen davon, daß es dazu wohl auch schon zu spät sein dürfte? Hier müßte vielmehr die Bundesregierung einspringen und ihren vielen großen Worten über die Wichtigkeit des Sports einmal die Tat folgen lassen. Oder die Komitee-und Verbandspräsidenten müßten versuchen, die Wirtschaftsführer dafür zu interessieren, damit von dem Wirtschaftswunder auch für den Sport etwas abfällt. Der beklagte Mangel an Mitteln beweist aufs neue, daß unsere Sportverbände sich endlich überlegen müssen, wie sie sich beizeiten eigene Olympia-Fonds schaffen können, um plötzliche Schwierigkeiten aus eigener Kraft zu beheben.

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Wenn wir schon keinen Staat mehr mit unserer Fußball-Weltmeister-Elf machen können, so dürfen wir wenigstens auf unsere Fußballstiefel stolz sein. Sie scheinen immer mehr bei englischen Spielern "Fuß zu fassen". Einer ihrer bekannten Trainer meinte neulich: "Die Boys haben das Gefühl, die deutschen Stiefel sind fester und bequemer als alle, die sie bisher getragen haben. Also müssen sie sie haben."

Immerhin ein kleiner Trost für uns und ein Pflaster auf unsere schmerzende Fußballwunde.

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