Professor A. Kantorowicz, Literaturhistoriker an der Ostberliner Humboldt-Universität, hat kürzlich in einem Vortrag über Heinrich Mann und in einem aufklärenden Artikel über diesen Vortrag in der "Berliner Zeitung" recht interessante Gedanken geäußert. Er polemisierte dabei gegen ein "Thälmann-Lied" des parteiamtlich anerkannten Meistersingers Kuba, der darin den Hamburger Arbeiterführer Thälmann "Stimme und Faust der Nation" nannte und schließlich in die markigen Zeilen ausbrach: "Deutsch unsre Fluren und Auen / Bald strömt der Rhein wieder frei. / Brechen den Feinden die Klauen, / Thälmann ist immer dabei." Kantorowicz spricht von einer Verunglimpfung Thälmanns, der kein Klauenbrecher gewesen sei und wie Heinrich Mann auch nicht "Stimme und Faust der Nation", sondern Kämpfer im "humanistischen Geist". – "Stimme und Faust mögen ausreichen für Marktschreier, Demagogen, Schläger."

Es war vorauszusehen, daß dieses idealistische Pastell, das Professor Kantorowicz hier von "Teddy" Thälmann zeichnete, nicht überall auf Zustimmung stoßen würde. Der Vortrag und auch der Zeitungsaufsatz führten zu einer Reihe von Leserzuschritten an die "Berliner Zeitung", von denen das Blatt gerade denjenigen breiten Raum zumißt, die sich auf dem Boden der Parteithesen bewegen, und die erkennen lassen, daß man trotz des offiziell geächteten Personenkults nicht gewillt ist, den vierschrötigen Rotfront-Marschierer und "Klauenbrecher" Thälmann in einen von des humanistischen Gedankens Blässe angekränkelten Geistkämpfer umfrisieren zu lassen. So macht sich ein Herr Schmid aus Karlshorst über die ästhetische Empfindsamkeit des Herrn Kantorowicz weidlich lustig, der in dem Ausdruck Klauenbrecher Roheit und so etwas wie Schwertgeklirr sehen oder hören wolle. Von Humanität scheint Herr Schmid nicht viel zu halten. Er bemüht Heinrich Heine und sagt: "Mit diesem Eia Popeia vom Geist des Humanismus haben die Führer der deutschen Sozialdemokratie die deutsche Arbeiterklasse jahrzehntelang eingelullt." Nein, Schmid ist genau wie Kuba fürs "Klauenbrechen". Höhnend bemerkt er: "Es bleibt Herrn Professor Dr. Kantorowicz überlassen, im Geiste des Humanismus gegen eine geistwidrige Gewalt zu kämpfen."

Überblickt man diese Auseinandersetzung, kommt man auf den Gedanken, daß sich der derbbiedere Klassenkämpfer er Schmid mit Recht provoziert fühlen mußte, weil er empfand, daß ihm hier durch einen "Intelligenzler" sein Idol geraubt werden sollte. Tatsächlich hat Kantorowicz zwei Kategorien zusammengebracht, die überhaupt nicht miteinander meßbar sind: den humanistischen Dichter und den Kraftprotz von Parteitribun. Das konnte nicht gut gehn. Die Parteifrommen wehren sich dagegen, daß Literaturbeflissene sich anschicken, dem derben Proleten Thälmann einen humanitär-ästhe- – tischen Heiligenschein zu weben. In dieser Angelegenheit halten sie nur den approbierten Parteidichter Kuba für zuständig. Zumal Professor Kantorowicz auch sonst noch einige Ketzereien aussprach. So äußerte er sich in bemerkenswerter Weise über die Rolle des Schriftstellers im System der Macht. Da lesen wir: "Ein Schriftsteller, der um seiner Bequemlichkeit willen der Macht sein Wort leiht, auch wenn die Macht mißbraucht wird, verliert seinen Rang. Er gibt sich selber auf. Dem Meister des Wortes wird die Verantwortung zuteil, für viele zu sprechen. Begibt er sich seiner Verantwortung, so erlischt seine Mission. Wenn aber zeitweilig die Gewalt so stark ist, daß sie jeden Widerspruch zu unterdrücken vermag, dann soll der Schriftsteller eher verstummen, als im Chor der Mitläufer die Mächtigen zu preisen."

Goldene Worte – möchte man ausrufen. Aber wo sind in der Sowjetzone die Schriftsteller, die gegen den Mißbrauch der Macht ihre Stimme erheben? Will man glauben machen, daß heute die Macht nicht mehr mißbraucht wird? Kantorowicz hat seinen Vortrag über Heinrich Mann vor einem Auditorium gehalten, das hauptsächlich aus Oberschülern bestand. Nun, wurde nicht in der Sowjetzone der sächsische Oberschüler Flade zum Tode verurteilt und später auf Grund von Protesten aus der ganzen Welt zu 15 Jahren Zuchthaus "begnadigt", jener Jüngling, der nichts anderes getan hat, als auf selbstgefertigten Flugblättern gegen den Mißbrauch der Macht durch das Diktatur-Regime zu protestieren? Flade sitzt noch heute im Zuchthaus, und kein Schriftsteller der Sowjetzone erhebt wegen dieses vergessenen Opfers eines eklatanten Machtmißbrauchs protestierend seine Stimme.

Kantorowicz rühmt bei Heinrich Mann, daß er sich in der "bürgerlichen Klassengesellschaft" ununterbrochen mit dem jeweiligen Regime wegen des Mißbrauchs der Macht auseinandergesetzt habe. Anscheinend war diese "Klassengesellschaft" toleranter als heute die Machthaber, die angeblich eine klassenlose Gesellschaft erstreben. Erst Hitler begann den Schriftstellern den Mund zu verbinden, eine Methode, die man im östlichen Teil Deutschlands bis heute beibehalten hat. pe. m.