Für die Eiferer und Kreuzzügler im Westen ist nun alles sehr viel schwerer geworden. Auf der Suezkonferenz im Lancaster House saß nicht mehr "Mr. Njet", der Sowjetaußenminister Molotow, der die internationalen Konferenzen mit langen Debatten über die Tagesordnung und über die Formulierung der Kommuniqués aufzuhalten pflegte – sondern sein Nachfolger Schepilow.

An Schepilow aber hätten Metternich und Talleyrand ihre Freude gehabt. Er hat das "Njet" Molotows mit jenem unverbindlichen "Da" (ja) vertauscht, mit dem von jeher die klassische Diplomatie abzulehnen pflegt.

All das schafft im Westen viel Verwirrung. Man stellt es immer wieder bei den Diskussionen mit jungen Leuten fest. So sehr verschieden – meinen sie – seien Ost und West nun wohl gar nicht mehr. Der Westen habe wohl einige Annehmlichkeiten, die es im Osten nicht gibt. Aber im Grunde sei das "alles gleich".

Brutale Schwarz-Weiß-Malerei erweist sich dabei zuweilen als böser Bumerang. Man hat die Narrenparole des Dritten Reiches – "Der Führer hat immer recht" – umgedreht zu der Losung: Die Diktatoren haben immer unrecht, und in den totalitären Ländern ist alles schlecht.

Nun aber sehen die jungen Leute, daß die Diktatoren doch manchmal "recht" haben und daß manches Schlechte, was mit heftigen Worten angeklagt wurde, mit dem Wandel der Zeit auch in den totalitären Staaten besser wird.

Der Sowjetstaat wird nächstes Jahr vierzig Jahre alt. Alles, was an die vorsowjetische Zeit Rußlands erinnert, stirbt langsam dahin. Schon die Fünfzigjährigen kennen nichts anderes mehr als das Sowjetregime.

In der Revolution selbst galt der Grundsatz: "Nur die Toten kehren nicht wieder." Heute aber braucht man nicht zu morden, damit die anderen nicht wiederkehren.