In jeder dieser Epochen stand die Sonne am Frühlingsanfang in dem genannten Sternbild. Um 4300 v. Chr. wechselte sie von den Zwillingen in den Stier, um 2100 v. Chr. vom Stier in den Widder, um 100 n. Chr. vom Widder in die Fische. Dieser astronomische Vorgang scheint in der Kulturgeschichte eine Rolle gespielt zu haben. Man kann die Stier-Verehrung in Babylon, Ägypten, Kreta damit in Zusammenhang bringen. Man kann das jüdische Passahfest mit seinem "Osterlamm" auffassen als Symbol des Übergangs vom Stierins Widder-Zeitalter. Ebenso das christliche Erkennungszeichen "Fisch" als Symbol des Übergangs vom Widder- ins Fisch-Zeitalter. Es ist nämlich gerade um 100 n. Chr. aufgekommen und erst um 300 n. Chr. nachträglich auf Christus selbst gedeutet worden. Wahrscheinlich sahen die ältesten Kulturvölker bereits den Frühlingspunkt aus einem Sternbild ins andere wandern und erblickten darin jedesmal ein weltenwendendes Ereignis.

Das setzt voraus, daß sie den Lauf der Sonne durch den Tierkreis sehr genau verfolgten, daß also eine astronomische Wissenschaft bestand. Sie begann mit der Entdeckung und Benennung der zwölf Tierkreisbilder. Und die läßt sich festlegen auf Grund des pendelnden Erdpols.

Es folgen nämlich höchst auffällig die drei "nassen" Sternbilder hintereinander: Fische, Wassermann und Ziegenfisch (der heutige Steinbock, ursprünglich ein Zwitterwesen, vorne Ziege, hinten Fisch). Auch die Umgebung der drei nassen Sternbilder ist bevölkert mit Wassergeschöpfen: Walfisch, Fluß, Delphin, Schildkröte und Südlicher Fisch, dem der Wassermann seinen Krug auf die Schnauze leert. Ein ganzes Quartal des Himmels wurde also von den Babyloniern reserviert fürs feuchte Element.

Es ist mehr als wahrscheinlich, daß dieses Quartal der dreimonatigen Regenzeit entsprach. In den drei Regenmonaten Dezember, Januar, Februar wanderte in Babylon die Sonne durch die drei Tierkreisbilder Steinbock, Wassermann und Fische. Das tut sie aber heutzutage nicht mehr; man muß zurückgehen bis ungefähr 3000 v. Chr., damit die babylonische Regenzeit auf die drei nassen Sternbilder zu liegen kommt. So alt mindestens ist die Astronomie.

Damit stimmt überein, daß einige frühe Tierkreisdarstellungen die Notiz tragen: "Den Frühlingsanfang macht der Stier." Im Stier-Zeitalter wurde also höchstwahrscheinlich der Sonnenweg am Himmel festgelegt durch die zwölf Sternbilder und damit die Wissenschaft Astronomie begründet, zwischen 4000 und 3000 v. Chr.

Wir dürfen ihr vielleicht noch ein höheres Aber zuerkennen. Im Tempel von Dendera in Ägypten ist der Tierkreis an die Kuppel gemalt, so prächtig wie sonst nirgends – den Anfang macht dort aber nicht der Stier, sondern die Zwillinge. Der Tempel ist nun keineswegs uralt, er stammt aus der späten Griechenzeit. Aber es scheint doch in Ägypten eine uralte Tradition gegeben zu haben, wonach der Tierkreis mit den Zwillingen beginnen soll. Das heißt natürlich, daß seine Erfindung bis ins Zwillings-Zeitalter hinaufreicht. Und das bestätigt wieder eine andere Überlegung: Im Zwillings-Zeitalter lag der Höhepunkt der Sonnenbahn, die Sommersonnenwende, im Sternbild der Jungfrau. Das war aber bei den Ägyptern und Babyloniern keine Jungfrau, sondern die Himmelskönigin, die "große Mutter". Sie hielt eine Ähre in der Hand, das Symbol der Fruchtbarkeit. Die Himmelskönigin hatte unbedingten Anspruch auf den Ehrenplatz im Tierkreis, dort, wo die Sonne ihren höchsten Stand erreicht. Schwerlich hätte man sie gerade um ein Sternbild danebengesetzt, wie es im Stier-Zeitalter der Fall gewesen wäre. Wir kommen also bis ins Zwillings-Zeitalter zurück mit dem Beginn einer wissenschaftlichen Sternkunde, bis 5000v. Chr. ungefähr. Die Astronomie ist etwa 7000 Jahre alt.

Das Bedürfnis nach Orientierung