Der Testamentsvollstrecker des kürzlich verstorbenen Genueser Bürgers und Musikfreundes Santa Maria Pietro hat mitgeteilt, daß sein Mandant ein Vermögen im Werte von einer Million Lire (etwa 66 000 DM) der Casa di Riposo per Musicisti in Mailand vermacht habe. Diese Nachricht versteht man erst, wenn man den Namen Verdi nennt.

Auf der Höhe seines Erfolges hatte der alternde Verdi, gemeinsam mit seiner zweiten Frau, der Sängerin Guiseppina Strepponi, den Plan gefaßt, ein Haus für alt und arm gewordene Musiker zu gründen. Er hatte zu viele Künstlerschicksale gesehen, die vom Gipfel des Erfolgs in den Abgrund des Elends führten.

Zuerst hatte das Ehepaar Verdi geplant, selbst in ihrem Haus inmitten ihrer Schützlinge zu leben. Aber nach dem Tod seiner Frau gab Verdi diesen Gedanken auf ... Seine Bescheidenheit verbot es ihm, die Dankbarkeit seiner Gäste zu erleben, und so bestimmte er, daß sein Haus erst nach seinem Tode eröffnet würde.

In der Gründungsakte seines Hauses legte Verdi selbst die Aufnahmebedingungen für die Gäste fest: Italienische Staatsangehörigkeit, Erreichung des 65. Lebensjahres nach mindestens 20 Jahren aktiver Tätigkeit im öffentlichen Musikleben und nachweisbare Armut. Ein Gremium wählt heute, unter den vielen, oft jahrelang auf einen Platz wartenden Bewerbern bevorzugt die Träger einstmals berühmter Namen aus, die nach einer glanzvollen Karriere hilflos vor einem dunklen Lebensabend stehen. Um sein Werk für die Zukunft zu sichern, bestimmte Verdi, daß die Autorenrechte seiner Opern in allen Ländern der Welt bis zum 50. Jahr nach seinem Tod an die Casa di Riposo gezahlt werden.

Verdi verstand viel von den materiellen Dingen dieser Welt – im Gegensatz zu den meisten seiner posthumen Gäste, die es nur seiner Vorsorge verdanken, wenn ihr Lebensabend von äußerer Misere verschont bleibt. Im nächsten Jahr (1957) werden die – nach dem Ausfall durch den Krieg – um sechs Jahre verlängerten Einkünfte durch die Autorenrechte zwar beendet sein, aber die Zukunft des Hauses ist nach menschlichem Ermessen für lange Zeit gesichert. Neben den Ersparnissen und einem seit 1953 jährlichen Beitrag des Staates von 20 Millionen Lire sind es Legate und Schenkungen vieler großer Musiker – an der Spitze des greisen Arturo Toscanini –, die in der Verehrung Verdis dafür sorgen, daß sein Geist in seinem liebsten Werk, der Casa di Riposo per Musicisti, weiterlebe.

Wer heute, 55 Jahre nach der Gründung, das stattliche Haus an der Piazzo Michelangelo betritt, der stutzt vielleicht überrascht bei der ersten Begegnung mit einem seiner alten Bewohner. Denn er meint, der auferstandene Geist des Hausherrn käme ihm da entgegen: im schwarzen Schlapphut, grauem Anzug und schwarzer Schleife über dem weißen Hemdkragen. So angetan steht auch der bronzene Verdi auf mächtigem Sockel vor seinem Haus auf der Piazza. In gleicher Tracht wandeln nach seinem Wunsch seit 55 Jahren die 60 männlichen Gäste seines Hauses durch ihren von Meister Verdi allen Sorgen enthobenen Lebensabend.

Nein, dieses Haus hat nichts von einem Hospiz, nichts von mildtätiger Wohlfahrt an sich. Mit seinen großen Eßräumen, dem Musiksaal, in dem Orgel und Flügel den Gästen jederzeit zur Verfügung stehen, mit den Gesellschaftsräumen wirkt es wie ein pompöses Privathaus im echten Jugendstil seiner Gründerjahre, der hier eine späte Prachtblüte entfaltet. Nur eines hat sich geändert: Verdi hatte bestimmt, daß jeweils zwei seiner Gäste gemeinsam ein Zimmer bewohnen sollten. Es stellte sich aber heraus, daß solch ein Zwangsduett leicht Mißklänge brachte. So wurde in den dreißiger Jahren ein neues Stockwerk errichtet. Die Zimmerzahl verdoppelte sich dadurch, und jedem der hundert Bewohner wurde ein eigenes „Reich“ ermöglicht.