J. B., Wien, Ende August

Österreich hat seine eigenen "underdeveloped countries"– besser gesagt: es hat unterentwickelte Betriebe, nämlich im Osten des Landes, wo bis vor anderthalb Jahren die Sowjets herrschten und alles verwalteten und ausbeuteten, was sie unter breitest-willkürlidier Auslegung des Begriffes "Deutsches Eigentum" in ihre Macht gebracht hatten. Da ist das Erdölgebiet, wo man eine rentable Förderung mit industrieller Nachverwertung schaffen will; da sind Fabriken, wo Investitionen nachzuholen sind. Dafür braucht man Kapital, und das fehlt leider. Es fehlt auch in der Energiewirtschaft, wo man auf Weltbankanleihen wartet und indessen mit Zwischenkrediten die Baustellen von einem Tag zum anderen in Betrieb hält.

Nun brauchen aber nicht nur die heimgekehrten verlorenen Söhne der österreichischen Volkswirtschaft und die bisher vom ERP fürsorglich betreuten und neuerdings verlassenen Zweige (wie eben die E-Werke) Kapital: auch andere sind in der gleichen Lage, da die Selbstfinanzierung doch nicht überall ausreicht und zudem aus vielen Gründen zurückgedämmt werden soll.

Man ruft also nach einem Kapitalmarkt – der aber nicht durch Wünsche und Befehle zu schaffen ist, sintemalen man ihn lange genug ignoriert hat. In solchem Zusammenhange ist von der Volkspartei während der Wahlzeit die Schaffung von "Volksaktien" gefordert worden. Was man aber zum Begriff selbst gesagt hat, beschränkt sich im wesentlichen darauf, daß ein solches Papier nur auf einen kleinen Betrag lauten dürfe, weil die Menschen, die diese Papiere kaufen sollen, zu arm sind.

Und das ist es eben; es gehört leider zum Charakteristikum der armen Leute, daß sie kein Geld haben. Sie werden also auch keine Aktien kaufen können, auch wenn diese noch so klein gestückelt und noch so billig sind. Man hat sich bei den Energieanleihen von 1953 und 1955 auch an das "breite Publikum" gewandt, hat Lohnzeichneraktionen eingerichtet – und das erstemal (bei höchstverzinslicher Ausgabe mit Wertsicherung) haben 187000 Zeichner 84 Millionen, das zweitemal 64 000 Zeichner 65 Millionen aufgebracht.

Das Volk verfügt nur über wenig Mittel. Die Spareinlagen betragen im Durchschnitt etwa 1500 Schilling je Kopf, das sind Notgroschen oder meist zweckgebundene Gelder. Zum Konsumverzicht besteht auch kaum Lust. Man braucht aber Milliarden. Der materielle Effekt eines Feldzuges für die Volksaktie kann also nicht groß sein, der psychologische Sinn läßt das Experiment trotzdem bejahen! Erstens würde mit der Aktie auch das Ausleseprinzip der marktwirtschaftlichen Kapitallenkung populär, zweitens wäre ein Eisbrecher gegen die Überbesteuerung der Aktiengesellschaft geschaffen, deretwegen man heute die Selbstfinanzierung bis zur sinnlosen, verschwenderischen Autarkie innerhalb jedes Fabrikzaunes treibt. Man sollte also tun, was man kann, aber sich ja nicht zuviel in "klingender Münze" davon versprechen. Für den Ertrag ist wesentlich, daß man den langsam wieder aufstrebenden Mittelstand gewinnt – wichtiger noch: daß ein Industrieller aus Vorarlberg sich wirklich bereit findet, Aktien eines niederösterreichischen Unternehmens zu kaufen, statt lieber zu seinen vorhandenen Websälen einen neuen hinzuzubauen. Erst wenn das geschieht, hat der Kapitalmarkt in Österreich wirklich zu leben begonnen.