Unser Lagekommentar "Dämpfung" in Nr. 32 vom 9. August hat eine rege Diskussion ausgelöst. Verbraucher und Erzeuger sind dabei keineswegs einheitlicher Auffassung. Auch der Handel sieht die Dinge unter seinem Gesichtswinkel etwas anders. Dennoch wollen wir versuchen, angeregt durch diese Diskussion, ein Lagebild von der Gegenwartssituation in Walzstahl-Fertigungserzeugnissen zu geben.

Zunächst einmal sei festgehalten, daß, bei einer relativ gebesserten Exportlage, zusammen mit den monatlichen Importen an Walzprodukten der verschiedensten Art in Höhe von rund 200 000 t oder etwa einem Fünftel des innerdeutschen Verbrauchs ein Marktausgleich erreicht wird, und daß dadurch die Lücken im deutschen Erzeugungsprogramm bis auf wenige Ausnahmen ausgefüllt werden. Die deutsche Produktion von Walzstahl-Fertigungserzeugnissen hat im ersten Halbjahr 1956 gegenüber dem zweiten Halbjahr 1955 um knapp 7 v. H. zugenommen. Doch hat sich das Geschäft in den einzelnen Sorten ebenso wie die Marktlage unterschiedlich entwickelt. Eine nicht unbeträchtliche Entspannung ist festzustellen in Draht aller Sorten. Auch Feinbleche sind reichlich am Markt, nicht zuletzt wegen der Produktionseinschränkungen in der Automobilindustrie. Bandeisen wird kurzfristig angeboten, ebenso verzinkter Bandstahl. Man kann auch bestimmte Flacheisensorten heute als Bandeisen in Stäben kaufen. Bleche anomaler Größen sind ebenfalls in ausreichenden Mengen am Markt.

Knapp ist dagegen nach wie vor Halbzeug aus deutscher Produktion. Selbst die Thyssen-Hütte und andere Walzwerke müssen nach wie vor Halbzeug aus dem Ausland importieren, um ihre Walzenstraßen ausreichend beschäftigen zu können. Es wird aber, wie uns versichert wird, aus dem Ausland in ausreichendem Umfange (bei allerdings hohen Preisen) angeboten. Bei Formeisen ist der Markt unterschiedlich. Besonders dünne Sorten sind schlecht zu erhalten. In Stabeisen, wo es viele hundert Sorten und Profile gibt, ist der Markt ebenfalls angespannt, wobei für Sonderwünsche Lieferfristen bis zu 15 Monaten gefordert werden. Grob- und Mittelbleche, also Bleche in einer Stärke von mehr als fünf Millimetern oder von drei bis fünf Millimetern, zeigen keine einheitliche Tendenz. Schiffsbleche gelten nach wie vor als knapp. Andere Qualitäten zeigen günstigere Liefertermine.

Insgesamt wird der Auftragsbestand in der Eisen schaffenden Industrie gehalten; die Werke bemühen sich weiterhin, wie schon seit Jahren, nur solche Aufträge anzunehmen, die sie in einer vernünftigen Lieferzeit abwickeln können. Daß dabei Großverbraucher und konzernnahe Verarbeitungswerke in der Vorderhand sind, ist verständlich. Seitens des Marktes ist jedoch der Auf tragsandrang bei weitem nicht mehr so forciert wie in den vergangenen Jahren, in denen zahlreiche Verbraucher ihre Wünsche bei vier, fünf Werken unterbrachten, in der Hoffnung, daß das eine oder andere Werk früher liefern könnte, als zunächst vorgesehen. Die Entspannung auf den Teilmärkten für Walzwerkserzeugnisse, von denen wir in unserem Kommentar sprachen, trifft, auf die Mengen bezogen, für etwa 35 bis 38 v. H. der derzeitigen Walzstahlproduktion zu. Dieses Drittel hat durchaus eine tendenzbeeinflussende Wirkung. rlt.