Die Erdbebenkatastrophe, die in den Jahren 1953/54 die griechischen Inseln in Ruinenfelder verwandelte, vernichtete auch die kleine Hafenstadt Lixouri auf Cephalonia. Weinbauern, Händler, Schankwirte, die Patrizierin Frau Gorgorini und der Pfarrer der bescheidenen Kirche erleiden die Katastrophe mit der Arglosigkeit und der Tumbheit, die jegliche Kreatur kennzeichnet, wenn das Unentrinnbare, Schicksal oder Gott, sie aus dem Hinterhalt überfällt und, ohne zu rechten und zu richten, fleißige Bürger und Schwätzer, Reiche und Arme, Greise und Kinder, Männer und Frauen von Tisch und Bett weg aus ihren festen Häusern auf die Äcker unter die Ölbäume treibt.

Dies ist die dichterische Chronik jenes Erdbebens, die Chronik vom Untergang Lixourist:

Kay Cicellis: "Tod einer Stadt." Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 8, 50 DM

Warum wurde gerade diese harmlose Stadt vom Erdbeben, heimgesucht? Warum die freundlichen Mittelmeerinseln? Entlädt die Erde wahllos ihren Groll? – Und warum wird die kleine Stadt Lixouri von den eben so furchtbar bedrohten Menschen unter Mühen und Entbehrungen wieder aufgebaut? An der gleichen Stelle, wo der Boden unter ihnen wankte, wo die Häuser "niederknieten, so wie Elefanten niederknien", wo die "verurteilten Häuser", vielmehr ihre Überreste, nachher noch gesprengt werden müssen? Die Antwort ist so einfach, wie es die Gefühle jedes geprüften Menschen in der Not werden: Eben weil es die Heimat ist. Auch wenn die Häuser zerstört sind, die Erde wie ein ungebärdiges Lasttier ihre Bürde abschüttelte – der Himmel ist doch der gleiche geblieben und das Meer, das seine Wellen wieder friedvoll an den Strand trägt. Auch haben Orte des Unglücks eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Wir haben es selbst erfahren, als die Mauern unserer Häuser in die Knie sanken, freilich nicht von der Erde gestürzt, sondern vom menschlichen Wahnwitz. Wir kehrten alle zurück, fast alle, und bauten an der gleichen Stelle auf – denn der Mensch ist treu und ebenso schwerfällig wie er schwermütig ist.

Die junge Griechin, die dieses Buch vom Erdbeben auf Cephalonia schrieb, hat in ihrer verhaltenen, fast nüchternen Schreibweise die Ereignisse der Schreckenstage aufgezeichnet. Wir nehmen am Untergang und Aufbau einer Stadt teil, wie es uns selbst in unheimlicher Weise vertraut ist. Aber wir sind nicht zum Miterleiden gezwungen, da sich von den Bewohnern Lixouris keiner eindringlich hervorhebt und uns mit Herzenswärme und dadurch mit Teilnahme erfüllt.

Die Übersetzung von Annemarie und Heinrich Böll ist vorbildlich. Ilse Langner