Suezkrise schwell weiter; 17 der 22 Nationen der Londoner Konferenz gaben Dulles’ Vorschlag einer internationalen Verwaltung und Kontrolle des Suezkanals ihre volle, eine, Spaniens, ihre halbe Zustimmung. Das Konferenzprotokoll mit dem Mehrheitsvorschlag und dem Gegenvorschlag des indischen Delegierten Menon wurde Nasser zugestellt, der sich bereit erklärte, den von der Konferenzmehrheit ernannten Ausschuß zu Verhandlungen zu empfangen. Englands Außenminister Lloyd bezeichnete eine eventuelle Ablehnung des Mehrheitsvorschlags durch Nasser als eine "sehr ernste Sache". Präsident Nasser weiß, daß jeder englandfeindliche Zwischenfall und jede ernste Störung des Kanalverkehrs bei der gegenwärtigen Stimmung in London (und Paris) eine Katastrophe auslösen kann. Er bemüht sich daher, Lotsen im Ausland (auch aus der Bundesrepublik) anzuwerben; aber diese Werbeaktion ist ein Wettlauf mit der Zeit. Nur wenn Nasser einer Internationalisierung des Kanals im Sinne des Mehrheitsvorschlages zustimmt, wird die alte Kanalgesellschaft den Lotsen raten zu bleiben. Bisher legt sie ihnen das Gegenteil nahe. Dadurch kommt der Mehrheitsvorschlag gegen den Willen der Staaten, die ihn unterstützen (einschließlich der Bundesrepublik) einem Ultimatum praktisch sehr nahe.

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Kein Friede in Zypern: Den Vorschlag der zyprischen Widerständler vom Weg der Gewalt auf den der Verhandlungen zurückzukehren, Hat Englands Regierung als Siag ihrer "harten Politik" aufgefaßt und vollständige Unterwerfung gefordert. Die Widerständler lehnten dies ab und beschlossen, den Kampf fortzusetzen. London erwägt einen Prozeß gegen den verbannten Erzbischof Makarios auf Grund kompromittierender Aufzeichnungen in einem angeblich aus dem Besitz des Anführers der zyprischen Widerstandsbewegung Dighenis stammenden Tagebuch.

Noch kühler zwischen Bonn und Moskau: Vier Wochen nach der Abberufung Sorins hat Botschafter Haas seinen Moskauer Posten überraschend verlassen, was zu Gerüchten, auch er sei abberufen, Anla’ gab. Außenminister von Brentano sprach von einem "Routinebesuch" und Berichterstattung über die festgefahrenen Repatriierungsverhandlungen. Wann Haas nach Moskau zurückkehren wird, ist ungewiß. Ebensowenig weiß man, wann Moskau einen Nachfolger für Sorin ernennen wird. Das diplomatische Klima Bonn-Moskau nähert sich dem Gefrierpunkt.

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Vatikan und Kreml: Der päpstliche Nuntius am Quirinal, Fietta, empfing den sowjetischen Geschäftsträger in Rom, Pogidajew, zu einer viertelstündigen Unterredung und nahm zwei Dokumente (sowjetische Erklärungen zur Suez- und zur Abrüstungs frage) zwecks Übermittlung an den Papst entgegen. Schon vor dieser ersten offiziellen Fühlungnahme sollen nach Berichten zweier italienischer Nachrichtenagenturen inoffizielle Kontakte in Paris stattgefunden haben. Der Sowjetbotschafter in Paris habe den dortigen päpstlichen Nuntius gefragt: "Wird es möglich sein, Chruschtschow im Laufe des Jahres 1957 im Vatikan zu empfangen?" – Um einen solchen Besuch in den Bereich des Möglichen zu rücken, müßten zunächst diplomatische Beziehungen aufgenommen werden, und die erste Voraussetzung dafür ist nach Ansicht maßgebender Vatikankreise die Wiederherstellung voller Glaubens- und Bekenntnisfreiheit hinter dem Eisernen Vorhang.

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